Freibeuter der Fotografie
Kenner der Fotografie sind sich einig: Gäbe in der Fotografie nur die Technik den Ausschlag für ein gutes Bild, würden die besten Bilder nie entstehen. Mehr als alle messbaren Werte bestimmt der Stil darüber, ob ein einmaliges und wertvolles Bild entsteht. Einer unserer Kunden nennt sich selbst „Der Stilpirat“ – eine interessante Selbstbeschreibung, die weit über die Fotografie hinausgeht. In der Tat ist er nicht nur ein interessanter Fotograf. Er hat eine ganze Menge mehr über Stil, Bild und Menschen zu erzählen. Bei all dem bezeichnet er sich zudem selbst als „abtrünnigen Digitalfotografen“. Wir haben ihn als ernsthaften Spieler kennen gelernt, der mit Formen, Farben, Worten und Bildern umzugehen weiß. Sein Blog führt in eine Gedankenwelt, die im Internet beginnt und sich auf den Rest der Welt ausdehnt. Ein lesenswertes Beispiel ist seine Betrachtung über Heraldik und das eigene Wappen. Aus Sicht der Fotografie ist das aber eher Nebensache – oder doch nicht. Hier das Interview mit dem Stilpiraten Steffen Böttcher:
Spürsinn: Dein Leben ist das Bild und die Grafik. Du nimmst es wirklich Ganzheitlich …
Steffen Böttcher: Ich liebe es inne zu halten, mir Dinge anzusehen, genau so wie ich es liebe Dinge zu machen, die angesehen werden. Ein Bild sind tausend Geschichten, die in meinem Kopf stattfinden.
Spürsinn: Wann und wie bist Du zur Fotografie gekommen?
Steffen Böttcher: Mein Vater ist Fotograf. Ich hab es sozusagen mit in die Wiege gelegt bekommen.
Spürsinn: Digital und analog – was hat welchen Stellenwert bei Dir?
Steffen Böttcher: Nach meiner analogen Jugend habe ich sehr früh digital fotografiert. Das Ergebnis sofort zu sehen, zu analysieren und einen Lernprozess daraus zu entwickeln, hat mir sehr geholfen mich fotografisch zu entwickeln. Allerdings ‚verlernt’ man relativ schnell wieder das Fotografieren, da man sich kaum noch Zeit nimmt ein Bild zu komponieren. Mittlerweile trenne ich analog und digital klar nach Aufgabenstellung. Beides hat seinen Reiz und einen gleichberechtigten Stellenwert. In letzter Zeit kommen übrigens wieder verstärkt analoge Anfragen. Ich glaube, analoge Fotografie wird in den nächsten Jahren eine große Renaissance erleben.
Spürsinn: Was reizt Dich an der analogen Fotografie besonders?
Steffen Böttcher: Es ist wie mit Vinyl-Schallplatten – sie klingen einfach anders. Es ist die Summe der klitzekleinen ‚Fehler’, die ein analoges Foto unverwechselbar machen, ihm einen eigenen Fingerabdruck geben. Analoge Fotografie basiert auf chemischen Prozessen. Auf dem Weg zum endgültigen Bild passiert soviel und kann so viel passieren. Der Gestaltungsspielraum ist riesig!
Spürsinn: Wenn man Deine Film-Bestellliste ansieht, ist von Schwarzweiß bis Farbe alles vertreten. Was ist Deine Triebfeder bei der Filmauswahl?
Steffen Böttcher: Um ehrlich zu sein: Immer noch das Ausprobieren. Ich möchte einen Film in den unterschiedlichsten Situationen einsetzen um ihn letztlich wirklich beurteilen zu können und um ihn später als Gestaltungselement in meine fotografische Arbeit einfließen zu lassen. Bei der Fülle der Filme, die ihr auf Lager habt, wird es also noch ein wenig dauern bis ich wirklich ‚durch’ bin. Ein paar Favoriten gibt es allerdings bereits. Ganz oben stehen der Crossbird und der Redbird aber auch der Rollei Digibase CN. Im Schwarzweiß-Bereich haut mich der Rollei Pan 25 immer wieder aus den Latschen. Das kriegst du mit digitalen Apparaten einfach nicht hin!
Spürsinn: Du hast Dich regelrecht in den Crossbird verliebt, bist begeisterter Anwender des Redbird, der PAN 25 ist für Dich das Schwarzweiß-Wunder und dann machst Du auch allerlei interessante Bilder mit anderen Schwarzweiß-Filmen. Was sind Deine Kriterien? Welchen Film nutzt Du für was?
Steffen Böttcher: Ich liebe den Einsatz von Filmmaterial als – verzeih mir den Ausdruck – Blutgrätsche. Material, das Farben unverfälscht und ohne Korn wiedergibt, langweilt mich ein wenig. Das kann ich dann auch digital fotografieren. Der Crossbird und auch der Redbird waren meine ersten Berührungen im Farbverfälschungsbereich. Mich faszinieren die Filme vor allem, weil sie so unvergleichbar und einzigartig sind und nicht durch digitale Fotografie und Photoshop simuliert werden können. Mit dem Cross- und dem Redbird hat man Filme in der Hand, die dem Bild einen eigenen, unverwechselbaren Charme geben und sowohl sehr ‚laut’ als auch ‚leise’ agieren können. Schwarzweiß-Filme nutze ich vorwiegend im People-Bereich. Für mich reduziert die ‚fehlende Farbe’ das Motiv auf das was es ist: Der Mensch im Moment des Belichtens. Nichts stört! Schwarzweiß offenbaren dem Betrachter mehr Geheimnisse, als dies Farbfilme tun. Sie sind einfach von zeitloser Schönheit.

Spürsinn: Bedeutet das, dass Du mit Deiner Fotografie im People-Bereich den Menschen sehr nahe kommst und in Deinen Bildern sozusagen ohne Ablenkung durch Farbe die wahre Persönlichkeit offenbart wird?
Steffen Böttcher: Das trifft es sehr gut. Wir sehen die Welt mit unseren Augen in Farbe und haben gelernt, diesem Bild zu vertrauen und das Gesehene zu interpretieren. Durch die Farb-Reduktion geben wir unserem Gehirn ein anderes, ‚unnatürliches’ Bild. Wir interpretieren ein von Farbe befreites Motiv mit anderen Maßstäben und sehen Dinge, die uns vorher möglicherweise verborgen blieben.
Spürsinn: Vor kurzer Zeit hast Du uns eine begeisterte E-Mail geschrieben, dass eines Deiner Redbird-Bilder in einer spanischen Zeitung erscheinen soll …
Steffen Böttcher: Ja – ich bin schon ganz gespannt auf die Belegexemplare. Ich hatte schon öfter mal Fotografien in Zeitungen, aber auf dem Umschlag einer Fotografie-Fachzeitschrift ist das schon ein kleiner Ritterschlag. Laut Verlag sollen sie in den nächsten Tagen bei mir eintreffen…
Spürsinn: Herzlichen Glückwunsch! Und die bekannten Sängerin ‚Liebe Minou’ möchtest Du mit dem Crossbird ins Bild setzen?

Steffen Böttcher: ‚Liebe Minou’ ist so bunt, eigensinnig und unverwechselbar wie der Crossbird selbst. Eine wunderbare, perfekte Melange! Ich finde, sie sollte Crossbird Botschafterin werden!
Ich habe sie überreden können, sich eine Diana Mittelformat-Kamera anzuschaffen und die Welt die sie umgibt festzuhalten. Die Bilder laufen dann bei ihren Konzerten per Beamer im Hintergrund. Sie sind verwackelt, Über- und Unterbelichtet und manchmal sogar gut. Wahrscheinlich würde man digitale Ergebnisse dieser Art sofort löschen. Bei Minou ist jeder Moment wertvoll und berechtigt. Auch eine Verneigung vor der analogen Fotografie!
Spürsinn: ‚Jeder Moment ist wertvoll und berechtigt’ Das ist eine wundervolle Aussage! Ganz besonders, weil dem analogen Bild nicht der ‚digitale Alzheimer’ droht. Denkst Du manchmal darüber nach, wie flüchtig das Digitale ist?
Steffen Böttcher: Sogar sehr oft. Ich habe darüber bereits in meinem Blog philosophiert [Anmerk. d. Redaktion: Link zu diesen Gedanken]. Ich befürchte, dass sich die Generation der Digitalknipser selbst aus dem Geschichtsbuch auslöscht und bezweifle, dass die Millionen von jpegs unserer Generation die nächsten hundert Jahre überleben werden. Vor zwanzig Jahren waren 5 ½ Zoll Disketten der letzte Schrei. Kaum jemand wird diese Daten wieder abrufen können. Sie sind weg – nach nur 20 Jahren. Man geht sehr leichtfertig mit digitalem Bildmaterial um. Man brennt seine Bilder auf CDs deren Haltbarkeit bei gerade mal 10 Jahre ist, ohne zu wissen, ob das digitale jpg-Format in 50 Jahren nicht vielleicht völlig überholt und unlesbar ist. Unsere Urenkel werden wahrscheinlich nicht erfahren wie der Urgroßvater aussah …
Spürsinn: … oder es war zufällig ab und zu ein Analogfotograf in der Nähe [lacht] …
Steffen Böttcher: … die Chancen steigen wieder [grinst].
Spürsinn: Noch einmal zurück unterschiedliche Eigenschaften von Filmmaterialien. Unterstützt das Deiner Sicht nach auch die Bildaussage?
Steffen Böttcher: Was soll ich sagen… das ist der eigentliche Grund, warum ich überhaupt mit unterschiedlichen Film-Materialien arbeite. Jedes Material agiert anders. Das Porträt einer Speed Metal Band mit einem Kodak Portra aufzunehmen käme mir nie in den Sinn!
Spürsinn: Stil, Bildstil, der Stilpirat. Stil hat bei Dir einen erheblichen Stellenwert. Was ist aus Deiner Sicht Stillosigkeit?
Steffen Böttcher: Weiße Socken in Sandalen … unter anderem …
Spürsinn: Fotografie scheint manchmal mit dem Bunten verheiratet zu sein. Du arbeitest auch Schwarzweiß. Wie bist Du dazu gekommen?
Steffen Böttcher: Ich hab mit Schwarzweiß angefangen und kehre nun wieder in den Schoß der zeitlosen Bildkunst zurück. Vor allem die Möglichkeit des Entwickelns der Filme im heimischen Heizungskeller ist einer der ausschlaggebenden Punkte. Es ist soviel spannender und lehrreicher, als das Bild solange durch Photoshopfilter zu jagen, bis es analog aussieht…
Spürsinn: Und irgendwann hast Du Deine Liebe zum Entwickler „HCD“ entdeckt …
Steffen Böttcher: Im Grunde habe ich zu wenige andere Entwickler wirklich ausprobiert um einen professionellen Vergleich zu ziehen. Ich hab den HCD von Anfang an gemocht, weil er den Filmen einen sehr analog-retrogenen Charakter verleiht und über alle Empfindlichkeiten hinweg tolle Ergebnisse liefert. Außerdem hat er mich nie hängen lassen. Das kommt bei mir immer gut!
Spürsinn: Reizt Dich als kreativen Menschen das kreative Potential des Entwicklers oder ist das eher ein Stolperstein?
Steffen Böttcher: So sehr ich es liebe, mich beim Fotografieren selber zu beschneiden, um ein Höchstmaß an Kreativität aus mir heraus zu kitzeln, so sehr schätze ich im Entwicklungsprozess eine gehörige Portion Potential. Wenn man … wie ich … beim Entwickeln noch am Anfang steht und vieles ausprobieren will, kann dieser Entwickler den Weg locker mitgehen.
Spürsinn: Analoge Fotografie und Internet. Ist das für Dich ein Gegensatz oder eine geniale Ergänzung?
Steffen Böttcher: Analoge Fotografie funktioniert Gott sei Dank auch ohne Internet ganz gut. Der Austausch über Internet multipliziert dein Wissen jedoch wesentlich schneller als früher. Ich schaue mir oft ganze Flickr-Alben in Bezug auf Kameras und verwendetes Film Material an. Wie lange hätte ich da früher ohne Internet wohl gebraucht um die gleichen Informationen und Inspirationen zu bekommen.
Spürsinn: Bei Dir ergänzen sich also historische Kameras, neue Filmmaterialien, Chemie und die digitale Welt und ergeben somit eine Einheit? Oder ist das jetzt zu kompliziert gedacht?
Steffen Böttcher: Nein, das bringt es eigentlich sehr gut auf den Punkt. Sehr zum Leidwesen unserer Haushaltskasse habe ich damit begonnen, alte analoge Kameras zu sammeln. Ich stelle sie mir aber nicht ins Regal, sondern benutze sie. Immer öfter lasse ich die analogen Ergebnisse in meine Arbeit als Grafik-Designer auf digitalem Weg einfließen und mache die Welt hoffentlich dadurch ein wenig schöner.
Spürsinn: Zum Abschuss noch eine oft gestellte Frage: Ist die Fotografie für Dich Hobby oder auch Gelderwerb?
Steffen Böttcher: Fotografie ist ein Hobby von dem ich glücklicherweise leben kann.
Spürsinn: Vielen Dank für Deine tiefen Einblicke in Stil, Fotografie und die Gedanken rund ums Thema!
Abschließend noch einige Bilder von Steffen Böttcher, dem Stilpiraten:

Film: Rollei PAN 25

Film: Rollei UNIVERSAL 200

Film: Spürsinn U125 – Push auf ISO 200 – Entwickelt in Spürsinn HCD (1+9; 8 Minuten)

Film: Rollei Crossbird

Film: Rollei Redbird

Film: Rollei Digibase CN
Tags: analog, Bilder, Crossbird, digital, Farbe, Fotografie, HCD, Interview, Liebe Minou, Redbird, Schwarzweiß, Steffen Böttcher, Stil, Stilpirat, U125, U200


13. Oktober 2009 at 09:33
ein gelungener beitrag … ich musste mir auch gleich den blog ansehen! weiter so mit solch lesenswerten beiträgen über interessante leute …
13. Oktober 2009 at 15:49
Frage zum Redbird-Bild mit der Lady vor dem Baum (im Abspann): diese Flecken, die man im Bild sieht, hatte ich auch bei einem selbst umgedrehten Farbfilm. Kann es sein, dass die Entwicklungsmaschinen der Großlabore nicht mit umgedrehten Filmen klar kommen und Wasser- (Kalk?) Flecken auf den Negativen hinterlassen?
Bei mir waren die Spuren eindeutig auf den Negativen und haben sich (sow ei im Beispiel) als blaue Tupfer auf der Ausarbeitung gezeigt.
13. Oktober 2009 at 15:52
[...] größten Themenbereiche in diesem Blog ist die analoge Fotografie. Mein Haus- und Hoflieferant, die Spuersinn-Gruppe hat mich heute zu diesem Thema interviewt und ich bedanke mich sehr für dieses Fenster! Die ersten Reaktionen darauf freuen und bestärken [...]
13. Oktober 2009 at 17:38
@golfiwang – genau dieses Problem haben wir bereits im Manual zum Redbird beschrieben. Aber dies alleine dem Großlabor in die Schuhe zu schieben wäre ungerecht. Einige Faktoren verbinden sich hier:
1. Manche Fotofachhändler nehmen es nicht so genau mit den Durchlaufgeschwindigkeiten inkl. abschließender Behandlung. Auf einem “richtig herum” gespulten Film bleiben die Tropfen auf der “unempfindlichen” Seite des Film. In der hybriden Verarbeitung kann der Trick helfen, daß man die Filmstreifen eben “falschrum” in den Scanner legt und dann das gescannte Bild eben per EBV dreht.
2. Im Großlabor gibt es unterschiedliche Entwicklungsmethoden. Einige kommen gut, andere weniger gut damit zurecht. Oft wird mit der Regeneration der Chemie geschlampert. Auf einem Redscale kommen diese Fehler leider deutlicher hervor, als bei einem “normalen” Film.
3. Die Flecken werden von Scannern überdeutlich aufgezeichnet, weil diese auf Cyan sensibilisiert sind. Ein bekanntes Problem der Digitaltechnik (übrigens auch bei hohen ISO in der Digitalfotografie erkennbar). Deshalb funktioniert z.B. Rauschunterdrückung und Fleckweg über Software über Cyan-Einregelung. Diese Erkenntnis kann man natürlich auch manuell nutzen.
13. Oktober 2009 at 18:06
Danke für die genaue Erklärung. Ist mir nur ins Auge gestochen, weil es bei mir (dezitiert nicht mit Redbird) auch so war.
Ansonsten: klasse Bilder, viele Stile – auf jeden Fall echte Hinschauer. Danke fürs Präsentieren eurer Kunden und deren Arbeit.
16. Oktober 2009 at 10:26
[...] Ich bin ein typischer digitaler Hobbyfotograf. Das kann ich von mir behaupten. Ist das gut? Kein Ahnung. Ich bin damit zufrieden. Mir reicht das. Womöglich wird sich das ändern, ich weiß es nicht, bin aber gespannt darauf, was noch kommt. Stilpirat hab ich schonmal gehört, war mal auf der Seite. Ein Mensch mit einer Meinung! Sehr interessant. Auf Spürsinn gibt es ein Interview mit diesem Menschen: Freibeuter der Fotografie | Spürsinn-Gruppe. [...]
30. Dezember 2009 at 10:27
[...] fester Bestandteil meine Tages. Ich habe 3 Interviews gegeben: In der Kopfquetsche bei Kopfbunt, Freibeuter der Fotografie bei Spürsinn und Slecnep . Ich war auf dem Barcamp HH, hab dort nette Menschen kennengelernt und viel gelernt. [...]