Alte Kamera – moderne Fotografie

Eigentlich dürfte sich die Fotografie im Laufe der Zeit nicht verändern, wird mancher Leser denken. Ein Bild ist ein Bild. Aber tatsächlich verändern sich Sehgewohnheiten im Laufe von Jahrzehnten und ein vor 30, 40 oder gar 50 Jahren aufgenommenes Bild zeigt einen vollkommen anderen Bildausdruck, als man ihn von heutigen Fotografien gewohnt ist. Natürlich, Kleidung, Frisuren, Fahrzeuge, ja sogar Straßenbilder und Wohnungsausstattungen waren früher anders. Aber noch etwas ganz anderes spielt da fotografisch eine Rolle – die Optik der Kamera. Es war schon immer so, dass in der Konstruktion einer Kameraoptik der Zeitgeist, also die Art des Bildausdrucks praktisch eingebaut wurde. Somit stellt sich durchaus die Frage, ob man mit alter Kameratechnik moderne Fotografie betreiben kann. Aus diesem Grund haben wir eine über 50 Jahre alte Kamera mit modernem Filmmaterial bestückt und sind am vergangenen Pfingstsonntag auf Fotoexkursion gegangen.

Das Wetter am letzten Pfingstsonntag war prächtig. Strahlender Sonnenschein, am Himmel einige dahin getupfte Wolken – ideale Voraussetzungen für feine Schwarzweiß-Bilder. Unsere Fototour führte uns über Radebeul nach Bautzen. Mit von der Partie war eine „Voigtländer Bessamatic“ mit Selen-Belichtungsmesser, das Objektiv „Skoparex 1:3,4/35“ und ein original Voigtländer Orangefilter „ortho-pan“. Allesamt Teile, die 1959 bei Voigtländer in Braunschweig produziert wurden. Als Film kam der „Ilford Delta 100“ zum Einsatz, eines der modernsten Materialien aus dem Hause Ilford. Dieser Film, der für seine Schärfe, sein ausgeprägtes Kontrastverhalten und seine Feinkörnigkeit bekannt ist, steht also im Gegensatz zu der über 50 Jahre alten Kameraausstattung. Ob damit moderne Fotografie möglich ist? Bevor wir jedoch die Bilder anschauen sei noch gesagt, dass zwar die Schärfe des „Delta 100“, aber nicht das feine Korn in den Bildern zu finden sein sollte. Hierzu später mehr. Betrachten wir zunächst die Abbildungsart der Optiken aus den 1950er Jahren.

In den 1950er Jahren wollten Fotografen zwar ein scharfes Bild, aber lange nicht so hart und kontrastreich wie es heute der Fall ist. Im beginnenden Wirtschaftswunder war die Welt auf Harmonie ausgerichtet. Das helle, fast „leicht“ zu nennende Bild war gefragt. Harte Kontraste erinnerten viel zu stark an die schwierigen Jahre der gerade überstandenen Nachkriegszeit. Für Optik-Konstrukteure ist es ein Leichtes, eine zum Zeitgeschmack passende Linsenkonstellation zu erstellen. Die „Voigtländer Bessamatic“ mit ihrem Optik-Angebot können wir heute als Paradebeispiel für die Abbildungsart der ausklingenden 1950er Jahre ansehen. Sehr gute Schärfe mit weichem Lichtfluss und gemäßigten Kontrasten sind typisch für diese Zeit. In Verbindung mit dem modernen „Delta 100“ treffen also zwei unterschiedliche Ausprägungen aufeinander. Nun kommt die Sache mit dem Korn. Ganz kornfrei sollten die Bilder nicht sein, aber auch keine Geröllfelder. Aus diesem Grund wurde zur Entwicklung der Grobkorn-Entwickler DOM verwendet (Entwicklung: 24° C – 13:45 min). Hier nun die Bilder. Lassen wir sie einfach auf uns wirken.

Tatsächlich, die Bilder erscheinen modern, aber auch gleichzeitig etwas weicher als gewohnt. Alte und neue Technik scheinen sich zu zu vertragen. Durch die Ausentwicklung in DOM zeigt der sonst so feinkörnige Film ein feines, schöne Korn. Die Bildschärfe ist genau so, wie man es von einer guten Kamera-Optik erwartet und auch die Grauwerte stimmen auf den Punkt. Durch den Einsatz des Orangefilters geht die Bilddarstellung leicht in den orthopanchromatischen Raum, so wie es ja auch schon die Typenbezeichnung des Filters verspricht. Ein wenig Dramatik, ein wenig verspielte Leichtigkeit. Farbfilter in der Schwarzweiß-Fotografie sind sowieso eine ganz spezielle Sache, mit der sich wundervolle Effekte erzielen lassen. Mehr zu diesem Thema erfährt man im E-Book „Farbfilter in der Schwarzweiß-Fotografie“. Übrigens wurden Gelb-, Orange- und Rotfilter häufig von Fotografen der 1950er und 1960er Jahren eingesetzt. Dies ist vielleicht eines der Geheimnisse der früheren Fotografen, die uns mit wundervollen Bildern noch heute entzücken. Aber zurück zum Testlauf der alten Kamera-Technik mit modernen Mitteln: Ja, auch mit historischen Kameras kann man heute noch hervorragend fotografieren und der Bildausdruck ist durchaus modern, wenn auch ein wenig anders. Solche Bilder sind ein Kontrapunkt zur heutigen glatten und manchmal überzeichneten Digitalfotografie.

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2 Antworten auf Alte Kamera – moderne Fotografie

  1. Udo Afalter sagt:

    Hallo Michael,

    deine Erfahrungen kann ich bestätigen. Ich bin seit Mitte 2011 mit einer Vitomatic III CS sowie einer Rolleiflex 2,8 F in Braunschweig an schönen Wochenenden auf Fototour. Mein bevorzugtes Filmmaterial in beiden Kameras ist der Ilford FP4 plus. Die guten alten Kameras aus Braunschweig vertragen sich mit den modernen Ilford Emulsionen extrem gut. Die Filme entwickle ich in Microphen (Verdünnung 1+1).

    Gruß, Udo

  2. Michael Weyl sagt:

    Hi Udo,
    der Artikel hat so viele Fragen zur Bessamatic ergeben, dass wir im aktuellen Blog-Post die Kamera und ihre Geschichte noch einmal näher vorgestellt haben. Ach ja, die Bessamatic, für mich eine echte Liebesbeziehung. Und ja, die Ilford-Filme passen da super. Du peilst ja dann mit dem Microphen auch die gröbere Kornstruktur an. Das harmoniert hervorragend mit den Voigtländer-Optiken.

    Schade, daß Dein Buch über die Voigtländer-Kameras nicht mehr verfügbar ist. Ich blättere immer wieder gerne in meinem Exemplar, auch wenn ich alles andere als ein Sammler bin. Es ist einfach faszinierend, was sich Voigtländer alles hat einfallen lassen und Dein Buch ist die kompletteste Zusammenfassung die ich kenne.

    Grüße, Michael
    PS: Komm doch mal wieder vorbei ;-)

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