Analogfotografie mit und ohne Kodak – eine Analyse

Anlässlich des aktuellen Antrages auf Gläubigerschutz von Kodak, Rochester USA, stellt sich die Frage, in wie weit das die gesamte Analogfotografie betrifft. Weltweit sorgt das eingeleitete Verfahren um Kodak für einiges Aufsehen. Auch wenn mit diesem Schritt seitens Kodak noch lange nicht das endgültige Aus für dieses große Traditionshaus besiegelt ist, stellen sich Fragen für die Zukunft. Welchen Stellenwert hat Kodak heute in der Analogfotografie und wie könnte die Zukunft mit und ohne Kodak aussehen? Eine Analyse gibt Aufschluss.

Im Juni 1888 brachte die Firma Eastman, USA, unter dem Markennamen „Kodak No. 1“ die erste Box-Kamera auf den Markt. Gleichzeitig gilt dieses Datum als Geburtsstunde des mittelformatigen Rollfilms, Typ 120, der heute noch eingesetzt wird. Zwar war damals das Filmmaterial und dessen Konfektionierung etwas anders, als wir es heute kennen, aber der Grundstein war gelegt. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wuchs Kodak zum wahren Giganten heran und war führend in der Welt der Fotografie. Filme, Foto-Chemie und auch Kameras von Kodak prägten die Welt. Zu den bedeutendsten Gegenspielern wuchsen Ilford und Agfa heran. In runden 100 Jahren Fotografie gab es selbstverständlich große Verschiebungen und Marktverwerfungen. Als zum Beispiel Agfa, Leverkusen, im Mai 2005 überraschend Insolvenz anmeldete, schien dies ein Todesstoß der durch die Digitalfotografie angeschlagenen Analogfotografie zu sein. Niemand hätte damals vorauszusagen gewagt, dass knapp sieben Jahre danach wieder Agfa-Filme am Markt sein würden. Mehr noch: Niemand glaubte daran, dass die Analogfotografie wieder als nennenswerter Bereich der Fotografie im Markt stehen könnte. Nach all diesen Erfahrungen ist interessant, wie die analoge Welt mit und ohne Kodak aussehen könnte. Unsere Analyse beleuchtet die Hintergründe.

Schwarzweiß-Negativfilme
Nach wie vor sind die schwarzweißen Filmprodukte von Kodak sehr begehrt. Seit Jahrzehnten baut der persönliche Bildstil vieler Schwarzweiß-Fotografen auf den Eigenschaften des „Tri-X“. Dieser enorm leistungsfähige Film, mit außergewöhnlichen Push- und Pull-Eigenschaften hat Fotogeschichte geschrieben. Gerade das nicht elegante, auf Ausdruck und Kontrast ausgerichtete Bild, ist zu einer eigenen Bildmarke geworden. Hierfür gibt es keinen Ersatz, wenn man das typische Tri-X-Bild sucht. Der große Konkurrent „Ilford HP5“ zeigt sich sozusagen als das Gegenstück im Bildausdruck. Etwas eleganter, weniger kontrastbezogen jedoch gleichfalls sehr ausdrucksstark, ist der HP5 mit nahezu gleichen Push- und Pull-Eigenschaften durchaus mehr als nur eine Alternative. Selbstverständlich, der eine Film ersetzt nicht den anderen. Beide sind in ihrer Art eigenständige „Persönlichkeiten“. Für einen erheblichen Teil der Schwarzweiß-Fotografen wäre der Wegfall des „Tri-X“ mehr als tragisch.

Einzigartig sind die T-Grain-Filme von Kodak. Diese als „T-Max 100“ und „T-Max 400“ bekannten Film-Materialien zeigen in ihrer Feinkörnigkeit auch bei hohen ISO-Werten maximale Abbildungsleistung. Die von Ilford in diesen ISO-Klassen entgegengesetzten Filme „Delta 100“ und „Delta 400“ sind nicht mit den Kodak-Filmen vergleichbar, da sie einen ganz anderen Abbildungsstil bedienen. Auch hier würde eine Produktionseinstellung der Kodak-Filme eine erhebliche Lücke hinterlassen. Anders sieht es in der höchsten ISO-Klasse aus. Im Markt der ISO3200-Filme ist Ilford besser aufgestellt und auch beliebter. Während sich Kodak mit dem „T-Max 3200“ in diesem Bereich auf Kleinbild zurückgezogen hat, liefert Ilford den „Delta 3200“ in Kleinbild und Rollfilm. Und auch bezüglich der gewollten Kornausprägung liefert Ilford hier die harmonischeren Ergebnisse, solange man sich nicht mit speziellen Grobkorn-Entwicklern befasst.

Im Spielfeld unterhalb der ISO400-Filme setzt Kodak einzig auf den bereits erwähnten „T-Max 100“. Ilford hält hier eine ganze Palette Filme bereit und sogar eine Infrarot-Spezialität mit ISO 200. Zudem produzieren eine erhebliche Anzahl weiterer Film-Hersteller hervorragende Film-Materialien in großen Mengen. Hier sind beachtliche Filme zu bekommen, wie zum Beispiel der „Agfa APX 100 new“. Brancheninterne Kreise rechnen sogar mit neuen Filmen im Bereich zwischen ISO 100 und ISO 400, da weltweit der Bedarf an Schwarzweiß-Filmen beständig wächst.

Farb-Negativfilme
Dieser in den letzten Jahren etwas zögerlich reagierende Markt wird heute in der Hauptsache zwischen Kodak und Fuji aufgeteilt. Aus dem Hause „Agfa Photo“ sind zwei Kleinbildfilme mit ISO 200 und ISO 400 zu bekommen, spielen aber im großen Konzert eine untergeordnete Rolle. Nach Branchenstatistiken hat Fuji-Film durch ein fein abgestuftes Film-Portfolio diesen Markt fest im Griff. Kein anderer Hersteller liefert ein derartig breites ISO-Spektrum, bis hinauf zu ISO 1600.

Die neu von Kodak auf den Markt gebrachte Portra-Serie hat bisher noch keine nennenswerte Umsatzgröße erreichen können. Hier wird branchenintern angemerkt, dass der Bildausdruck „sehr digital“ anmutet und somit den Bedürfnissen des Analogfotografen nicht vollkommen entspricht. Lediglich der ISO160-Film erfreut sich bislang einer gewissen Beliebtheit.

Im Bereich der Farb-Negativfilme stellt eine mögliche Einstellung der Kodak-Produkte keine nennenswerte Einschränkung dar, da zumindest Alternativ-Produkte vorhanden sind.

Farb-Diafilm
Auch der Dia-Bereich zeigt ein ähnliches Bild wie der Farb-Negativbereich. Real scheint Fuji-Film den Markt des Dias zu beherrschen. Eine breite Auswahl an unterschiedlichen Bildausdrücken und Farbgebungen lässt kaum einen Wunsch offen. Zwischen ISO 50 und ISO 400 liefert Fuji das, was Dia-Fotografen brauchen. Dagegen ist das Marktangebot von Kodak eher mager.

Kodak hat in den letzten zwei Jahren in der Dia-Fotografie erheblich an Boden verloren. Ein Produktionsstop der Kodak-Diafilme wäre zwar im Hinblick auf kontinuierlich auf Markentreue aufgebaute Dia-Serien schmerzlich, aber keinesfalls würde es das Ende der Dia-Fotografie bedeuten.

Foto-Chemie – schwarzweiß
Ehemals führend, hat Kodak mit den Jahren immer mehr an Bedeutung bezüglich Schwarzweiß-Fotochemie verloren. Branchenintern wird auf die längst unmodern gewordenen Rezepturen der Kodak-Entwickler hingewiesen. Lediglich D-76 und der sagenumwobene HC-110 sind noch Paradepferde im Kodak-Stall. Aber wenn es um maximale Bildergebnisse geht, sind heute deutlich bessere Entwickler vorhanden, wie selbst von Seiten Kodak zugegeben werden muss So kann zum Beispiel der „Kodak T-Max 400“ mit „HCD new“ von ISO 32 bis zu ISO 25600 getrieben werden und der „T-Max 3200“ erreicht sogar die zu kaum vorstellbaren ISO 51200.

Der Markt der Schwarzweiß-Entwickler wurde noch niemals zuvor mit einer so großen Anzahl unterschiedlicher und hervorragender Produkte belebt, dass in gesamter Breite ein Wegfall der Kodak-Entwickler keine Auswirkungen hätte.

Einzig das Netzmittel „Kodak Photo Flo“ gilt als einzigartig gut. Eine Produktionseinstellung wäre mehr als schade.

Foto-Chemie – C-41 und E-6
Kodak-Produkte aus USA spielen in der Laborentwicklung schon längere Zeit eine immer geringere Rolle. Sowohl Fuji als auch Tetenal dürften heute der Standard sein.

Fotopapiere und Papier-Chemie
Auch in diesem Bereich ist Kodak USA schon längere Zeit auf dem Rückzug. Lediglich bei Print-Automaten für analoge und digitale Farb-Ausbelichtungen bildet noch einen größeren Marktanteil. Bezüglich der Laserprints aus digitalen Bilddateien kann eine Produkteinstellung von Seiten Kodak eine erhebliche Lücke hinterlassen. Alternativ stehen Produkte von Fuji zur Verfügung und haben seit Jahren auch einen erheblichen Marktanteil. Schwarzweiße Fotopapiere und Papier-Chemikalien haben in Europa keinen von USA-Lieferungen abhängigen Marktanteil.

Fazit
Auch wenn der aktuell angemeldete Gläubigerschutz von Kodak, USA, eines der wichtigsten Unternehmen in der Fotografie-Sparte bezüglich Überleben in Zweifel zieht, hätte ein Zusammenbruch mit Blick auf die Analogfotografie sehr überschaubar Folgen. Im Segment der Schwarzweiß-Filme würde sich eine große Lücke bilden, dies ist gewiss. Aber gerade dieses Segment ist es auch, dass in den letzten Jahren einen deutlichen Überschuss erwirtschaftete, mit dem Defizite ausgeglichen wurden. Zudem zeigen sich hier seit geraumer Zeit wieder erhebliche Zuwachsraten. Somit ist es eine rein betriebswirtschaftliche Frage, ob profitable Bereiche vor den defizitären geschlossen werden. Mittel- und langfristig muss sich Kodak als Gesamtkonzern den Anforderungen des Marktes stellen und eine Neuorientierung beginnen. Ob dies weiterhin im verlustbehafteten Digital-Bereich oder im analogen Segment schnelle Erfolge zeigen kann, wird die spannende Frage der nächsten Wochen sein. Zudem wird sich auch die Frage stellen, ob gerade die analogen Produktionsbereiche möglicherweise an andere Unternehmen verkauft werden, um eine Kodak-Rettung in die Wege zu leiten. In wie weit sich das Kodak-Management heute mit den analogen Produkten identifizieren kann, wird über den Fortbestand von „Kodak analog“ entscheiden. Auf keinen Fall wäre jedoch das Ausscheiden von Kodak aus dem analogen Markt das Ende der Analogfotografie.

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8 Antworten auf Analogfotografie mit und ohne Kodak – eine Analyse

  1. Pingback: Kodak hat Gläubigerschutz beantragt (Update) | Jeriko

  2. . . . mit hoher Wahrscheinlichkeit einer der aus Fotografensicht hilfreichsten, subjektiven EInschätzungen zum großen Thema ‘Kodak beantragt Gläubigerschutz’. Danke!

  3. Vladimir sagt:

    Man wird Kodak wohl kaum zerschlagen oder wirklich ruinieren. Eine Insolvenz bedeutet in dem Fall sicher eine Verkleinerung und Neuorientierung aber Kodak bleibt zu bedeutend um einfach zu verschwinden.

  4. Dieter Fröhling sagt:

    Schönen Dank für diese Einschätzung.

    Höffe selber auf die Fortführung der Diafilme seitens Kodak….

  5. Uwe sagt:

    Chapter 11 heißt Gläubigerschutz und gehört bei Unternehmen in den USA schon fast zum guten Ton – jedenfalls gibt es z.B. kaum eine Airline, die nicht schon mal in Chapter 11 war. Unter Chapter 11 braucht man seine Verbindlichkeiten nicht wie ein anderes Unternehmen zu bedienen – und es ist ganz und gar unwahrscheinlich, dass Kodak in der nahen Zukunft Chapter 7 (das ist der Geschäftsschließungsantrag) beantragt.

    Insofern hoffe ich, dass die Reorganisation der Firma Kodak nicht die Einstellung der (Gerüchten zufolge) profitablen Analog-Film-Sparte betreiben wird. Aber ein Verkauf der Analog-Film-Sparte wäre ja auch eine Möglichkeit, auch wenn ich persönlich nicht glaube, dass das amerikanische Wirtschaftsrecht (das kann sehr protektionistisch sein) einen Verkauf der einzigen amerikanischen Film-Firma ins Ausland zulassen würde, wo die interessantesten Kandidaten für eine Übernahme sitzen…

    Aber seien wir gespannt – auch hieraus kann sich Gutes für die Fotografie entwickeln :-)

  6. Carsten sagt:

    Hier gibt es etwas mehr Infos direkt von Kodak, darunter auch die Präsentation in der die Strategie zur Überwindung der Insolvenz dargestellt wird.
    http://therochesterian.com/2012/01/23/where-kodak-plans-to-cut/

  7. Peter sagt:

    In den meisten Foren wird immer darüber lamentiert, wie lange es noch Kleinbildfilme, und hier im Speziellen Farbdiafilme geben wird.

    Das ist aber nur der eine Teil der Herausforderung, der wir als Endverbraucher durchaus begegnen können, indem wir uns mit dem derzeit noch verfügbaren (Fuji)Material bis an unser Lebensende eindecken und die unbelichteten Filme kurzerhand einfrieren.

    Aber wie sieht es denn auf der Entwicklungsseite aus? Wie lange wird es bei Cewe noch möglich sein, Diafilme entwickeln zu lassen? Ein Anruf meinerseits hat ergeben, dass man es sogar seitens des Entwicklungslabors nicht absehen kann. Diafilme werden inzwischen schon nicht mehr in Deutschland, sondern nur noch in Tschechien(!) entwickelt. Auch dort werden die Maschinen irgendwann stillstehen, und dann können wir unsere tiefgefrorenen Diafilme wegwerfen, weil es nichtmal für horrendes Geld eine Entwicklung geben wird, weil nirgendwo mehr eine Maschine läuft!

    Kleiner Exkurs: Die totgeglaubte Compactcassette wird niemals sterben, weil der Endverbraucher hier nicht auf einen Dienstleister zur Entwicklung angewiesen ist. Tapedecks wird es auch in 30 Jahren noch geben.

  8. spuersinn sagt:

    Peter, die moderne Realität sieht doch ganz anders aus!
    Immer mehr Fotografen geben die Entwicklung ihrer Filme nicht aus der Hand – sogar Dia wird zuhaus selbst entwickelt und das mit herausragenden Ergebnissen. In unserem Shop führen wir das E-6 Kit von Tetenal. http://www.spuersinn-shop.de/index.php?page=product&info=136
    Somit befreien sich immer mehr Dia-Fotografen von der Nennempfindlichkeit (das ist ein Nebeneffekt) und machen auch Push-Entwicklungen selbst.

    Allgemein herrscht in Foren beständig ein großes Gejammere um Dies und das – wenn man mal etwas genauer nachhört zeigt die Wahrheit ein ganz anderes Gesicht. Da wird von “großen Mengen pro Jahr” gesprochen und bei einer konkreten Nachfrage stellt sich diese “große Menge” als 10 Filme pro Jahr heraus (und es kann auch mal weniger sein). Wen wundert es, wenn sich auch die Standardlabore nicht mehr zu gewissen Aussagen hinreißen lassen. Solange der Markt da ist, wird er bedient. Wenn nur noch geredet wird, dann gibt es auch nichts zu bedienen ;-)

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