Allgemein wird die Meinung vertreten, dass die ideale Zeit für Infrarot-Fotografie zwischen April und Juni liegt. Und tatsächlich, besonders im Mai bekommt man Aufsehen erregende Bilder, wenn das Blattgrün noch ganz fein und frisch ist. Dies liegt daran, dass man zu dieser Jahreszeit den begehrten Wood-Effekt einfangen kann: Blattgrün und Wolken weiß, im krassen Gegensatz zum Himmel, der fast schwarz ins Bild kommt. Zugegeben, das sind tolle Bilder. Aber es gibt keinen Grund, sich lediglich für eine kurze Zeit des Jahres auf die IR-Fotografie zu konzentrieren. Gerade im Winter kann man außergewöhnliche Aufnahmen mit der Infrarot-Technik einfangen. Nun mag mancher Analog-Fotograf sagen, dass man in der „dunklen“ Jahreszeit zu wenig Licht für Infrarot-Filme findet. Es wird also Zeit, etwas genauer auf diese interessante Seite der Analog-Fotografie zu schauen.
Die Infrarot-Fotografie „funktioniert“ über einen sogenannten Sperrfilter, der besonders das langwellige (rote) Licht durchlässt und andere Lichtbereiche dämpft. Diese Filter werden auch Schwarzfilter genannt, da sie extrem dunkel erscheinen. Nur mit Mühe kann man bei einer einäugigen Spiegelreflex-Kamera mit aufgesetztem Filter fokussieren. Aber das ist nicht so schlimm, da man sowieso in der Hauptsache mit Stativ arbeitet oder alternativ eine Messsucher-Kamera oder eine zweiäugige Spiegelreflex einsetzt. Das Thema der ausnutzbaren „Lichtstärke“ des Films ist jedoch eine ganz andere Sache. Hier gelten zumeist Filme mit niedriger ISO als besonders geeignet. Ob das richtig oder falsch ist, wollen wir hier nicht in Frage stellen – sicher ist jedoch, dass Ilford einen speziell auf die Filterfotografie ausgerichteten Film anbietet, der bevorzugt in den langwelligen Lichtbereich geht: Der “Ilford SFX 200“. Mit einer Nennempfindlichkeit von ISO 200 liegt er bereits in der Grundausstattung erheblich über anderen Infrarot-Filmen. Und noch viel mehr ist machbar. Aber welche Bilder bekommt man denn nun Infrarot im Winter?
Eigentlich sind die Wintermonate für Infrarot-Aufnahmen günstig. Der Sonnenstand ist so flach, dass fast der ganze Tag von langwelligem Licht bestimmt wird. Da wir kein Blattgrün vorfinden, suchen wir uns andere Motivdetails, die sich lohnen. Schauen wir uns zum Beispiel historische Gebäude an, die zumeist Sandstein-Fassaden zeigen. Alleine schon die Grundfarbe des Sandsteins ist ideal für Infrarot-Aufnahmen und das typische Winterlicht lässt dieses Mauerwerk für einen Infrarot-Film strahlen. Auch viele Dächer von alten Gebäuden erstrahlen plötzlich in ungewöhnlicher Helligkeit. Im Winter gesellt sich zudem ein ganz anderer Umstand hinzu, den wir fotografisch gut ausnutzen können – Winterluft, besonders an sehr kalten Tagen, kennt keinen Dunst, der sonst Aufnahmen ungewollt verschleiern kann. Ein dritter und letzter Umstand macht dann die Besonderheit der Infrarot-Fotografie im Winter perfekt: Der flache Einfall von langwelligem Licht scheint sogar Schatten aufzuhellen. All diese Besonderheiten zusammen ergeben außergewöhnliche Bilder, wie es das nachfolgende (unbearbeitete) Beispiel zeigt.
Übrigens wurde das hier gezeigte Bild aus der Hand „geschossen“. Um dies zu ermöglichen, wurde der verwendete „Ilford SFX 200“ auf ISO 800 gepusht. Entwickelt wurde in „HCD new“. Ist dies überhaupt bei einem Infrarot-Film möglich? In vielen Fotobüchern steht das exakte Gegenteil. Tatsächlich bleiben in dieser Art der Filmentwicklung alle Grauwerte auch in der Push-Entwicklung erhalten. Wenn man will, kann man sogar bis ISO 1600 gehen. Zwar kann dann von Feinkorn nicht mehr die Rede sein, aber auch das körnige Bild entfaltet so manchen Reiz. Auf jeden Fall kann man es sich in diesem hohen ISO-Bereich erlauben, auch aus der Hand ein IR-Bild zu „schießen“.
Welche Besonderheiten finden wir noch in der Infrarot-Fotografie im Winterlicht? Recht selten werden IR-Aufnahmen im Gegenlicht gemacht und praktisch nie im Winter. Schade! Gerade im Winter finden wir genau die Bedingungen, die eine starke Konturierung des Vordergrundes mit dramatischer Gestaltung von Wolkenbildern ermöglichen. Selbst feine Schleierwolken werden als fein ziselierte Strukturen zum bestimmenden Element der Bildkomposition. Bei solchen Bildern kann man dann wirklich von einer Fotografie weit abseits des Gewöhnlichen reden – und das sogar an Tagen, an denen normale Fotografen das „optimalen Fotolicht“ vermissen.





Schöner Artikel. Vor allem der Hinweis auf den Sandstein hat mich aufhorchen lassen wohne ich doch in Sichtweite eines der angeblich größten Sandsteingebäude der Welt.