Über den Kipp-Rhythmus in der Schwarzweiß-Entwicklung haben wir bereits berichtet. Um Grunde klingt das alles recht lässig und nicht nach einer großen Wissenschaft. Man kann das Thema jedoch auch ganz anders sehen – aus guten Gründen. Hierfür müssen wir jedoch etwas tiefer in die Systematik der Foto-Chemie einsteigen. Was nun folgt, ist eher eine Sache für Experten, oder jene, die sich mit der exakten, präzisen Fotografie auseinandersetzen wollen.
Alle Schwarzweiß-Entwickler sind sehr unterschiedlich aufgebaut. Mit den Jahrzehnten verfeinerte sich die Fotografie und die Ansprüche an den Chemikalienmix, der optimale Bilder hervorbringen sollte, wurden wurden gleichzeitig immer spezieller. Genügte es noch vor 100 Jahren, wenn ein Entwickler aus ein oder zwei Entwicklersubstanzen mit dem Zusatz von drei oder vier Alkalien zu einem guten Entwickler wurde, sind diese Zeiten längst vorbei. Heute werden moderne Entwickler zum Beispiel aus bis zu fünf, manchmal sogar sechs Entwicklersubstanzen zusammengesetzt und auch Alkali ist nicht gleich Alkali. Gerade in den letzten 20 Jahren sind auf diese Weise Entwickler entstanden, die sehr unterschiedlich in ihrem Entwicklungsergebnis sind. Alle heute verfügbaren Entwickler sind gut – keine Frage – aber die Eigenschaften der einzelnen Produkte eignen sich dann doch mehr oder weniger für spezielle Wünsche und Anforderungen von Fotografen. In früheren Jahren gab es tatsächlich mehrere „Universal-Entwickler“, die eigentlich auf alles gepasst haben, heute, bei modernen Entwicklern, ist das nicht mehr ganz der Fall. Und da jeder Fotograf nach dem maximalen Entwicklungsergebnis strebt, hat dieser Trend auch einen Sinn. Und da wir nun schon bei verschiedenen Entwicklereigenschaften angelangt sind, spielt nun plötzlich auch der Kipp-Rhythmus in der Entwicklung wieder eine Rolle.
Begonnen hat das Ganze mit einer Erkenntnis von Anselm Adams, der den sagenumwobenen Entwickler „Kodak HC-110“ in einer sehr hohen Verdünnung nutzte, um in einem Kipp-Rhythmus von 3 Minuten ein sehr ausgewogenes, zur Belichtungsmessung nach Zonensystem passendes, Negativ erzeugte. Noch heute ist der HC-110 eine Art Messlatte, an dem sich andere Entwickler messen müssen. Je nach verwendeter Konzentration und angewandtem Kipp-Rhythmus verändert sich der Bildausdruck sehr deutlich. Auch mit anderen Entwicklern ist ein solches Arbeiten möglich, aber nicht mit allen Entwicklern kann man das machen. In Kürze gehen wir noch einmal auf solche Entwickler ein, aber nun reden wir erst einmal über Chancen und Risiken. Selbstverständlich gibt es auch Risiken.
Alle Entwickler mit verhältnismäßig geringem Verdünnungsspielraum sind ziemlich strikt in der Vorschrift bezüglich Kipp-Rhythmus. Dort liegt die Range der Bewegungsabstände zumeist zwischen 30 Sekunden und 2 Minuten, manchmal sind es auch die berühmten 3 Minuten, aber dann sollte dringend bewegt werden. Wie schon gesagt, durch den Takt der Dosenbewegung wird die Ausprägung der Lichter und Schatten beeinflusst. Wenn man die Dose deutlich zu wenig bewegt, erhält man sogenannte Bromidabläufe, die als Streifen auf dem Negativ sichtbar werden. Manche Fotografen nennen dies auch „Tigerenten-Negative“. Das ist also ein Entwicklungsfehler. Wer die Dose zu häufig bewegt, bekommt auf den ersten Blick sehr markante Negative, die jedoch in den Details, sowie in Lichtern und Schatten absaufen. Auch das ist also ein Entwicklungsfehler. Weder Kippwut noch Kippverweigerung bringt uns also voran. Das gewogene Mittelmaß ist ideal. Wer sich nun mit der sehr exakten, äußerst präzisen Fotografie beschäftigt, wird an einer Normierung seines Kipp-Rhythmus nicht vorbei kommen. Welcher Rhythmus der beste ist, muss jeder selbst ausprobieren.
Wenden wir uns nun anderen Entwicklertypen zu, die sich sehr hoch verdünnen lassen. Diese haben oft die Eigenschaft, dass man größere Spielräume im Kipp-Rhythmus bekommt. Hier sind wir noch nicht an der Standentwicklung angelangt, die einen Spezialfall darstellt, aber die Richtung stimmt schon einmal. Auch hierüber werden wir in den nächsten Tagen noch ausführlicher berichten. Interessant ist jedoch, dass wir bei hohen Chemie-Verdünnungen mit großen Abständen der Bewegungszeiträume ganz andere Bildausdrücke bekommen – die Kantenschärfe von Detailstrukturen tritt deutlicher hervor. Zwar dauert dann ein Entwicklungsgang schon einmal locker 30 Minuten oder auch einmal eine Stunde, aber der Aufwand kann sich lohnen. Übrigens hat das zunächst noch nichts mit einer Push-Entwicklung zu tun! Durch die lange Wirkzeit der recht dünn angesetzten Foto-Chemie entwickelt sich jedoch das mit Lichtenergie geladene Silberkorn sehr fein und gleichmäßig. Dies kommt dem Bildausdruck unmittelbar zu Gute.
Aber was ist jetzt für ein Negativ richtig oder falsch? Auch hier gibt es keine eindeutige Regel. Einzig der Bildausdruck zählt und ob der Fotograf genau dieses Ergebnis haben wollte oder nicht. Letztendlich muss man probieren und testen, wenn man eine genaue Vorstellung von dem hat, was herauskommen soll. Selbstverständlich kann man auch mit verschiedenen Entwicklern verschiedene Verdünnungen und Kipp-Rhythmen ausprobieren. Der Aufwand ist zwar recht hoch, aber für die eigene Handschrift im Bild kann es nützlich sein. Übrigens erkennt man recht schnell, an welchem Punkt man über die Marke der maximalen Verdünnung eines Entwicklers kommt. Dann werden die Bilder sehr grobkörnig – aber nicht das schöne, fein ausgeprägte Korn, sondern das störende, unruhige und überlagernde Korn in den Lichtern und auch in den Grautönen. Das hat dann nichts mehr mit einer Grobkorn-Entwicklung zu tun, sondern ist schlichtweg ein Entwicklungsfehler. Wer auf grobes aber gut strukturiertes Korn Wert legt, der sollte lieber gleich zum DOM greifen, der ist auf die Grobkorn-Entwicklung ausgelegt.



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Darf ich noch ein wenig Senf meinerseits aus der Warte eines Chemielaboranten dazu geben? Dies betreffend Standentwicklung. Ich finde es ja wirklich spannend dass es funktinoert einen Film einfach in einer hochverdünnten Suppe stehen zu lassen und er kommt gleichmässig durchentwickelt aus der Badeanstalt. Chemisch lässt sich das durch die Brownsche Molekülbewegung erklären. Das heisst die Entwicklermoleküle in der Suppe sind ständig in Bewegung. Wenn die Suppe nun derart dünn ist, passiert die Entwicklung nur sehr langsam. Daduch reicht allein die minime Durchmischung der Brownschen Molekülbewegung um den Entwickler homogen zu halten. Theoretisch sehr interessant aaaaber praktisch habe ich leider noch keine Versuche mit der Standentwicklung unternommen, möchte dies aber auf jeden Fall bald nachholen. Vielleicht gibt es ja demnächst hier auf Spürsinn einen spannenden Artikel über die Standentwicklung
?
LG Manu
Manuel Hefti, wir werden uns demnächst noch einmal ausführlich mit der Standentwicklung befassen. Tatsächlich geht das mit einigen wenigen “Suppen”, aber wirklich nicht mit allen.
In früheren Tagen war die Standentwicklung sehr beliebt und wurde häufig angewendet. Dies waren jedoch “einfache” Entwickler, die sich mit “einfachen” Emulsionen vertrugen. Heute ist der Fortschritt sowohl in der Emulsionstechnik, wie auch in der Fotochemie so weit vorangeschritten, daß die Standentwicklung eigentlich kein optimales Ergebnis bringen kann … soweit die Theorie. Real sieht es jedoch ein wenig anders aus, aber hierzu in Kürze mehr.
Super, vielen Dank! Darauf freu ich mich jetzt schon
LG aus der Schweiz!