Kamera-Geschichten – nicht nur Brüder im Geiste

13. Oktober 2011 | Von | Kategorie: Tipps & Ratschläge

Gelegentlich graben wir in der Historie von Kamera-Modellen und stoßen dort auf interessante Geschichten, rund um das „Ding“, das uns die Aufnahme von Bildern ermöglicht. Heute schauen wir in ein interessantes Kapitel der Kleinbildkameras. Keine andere Sparte der Kameratechnik bot ein so rasantes Entwicklungsfeld. Waren die Apparate der 1950er Jahre noch auf die optischen Leistungen ausgerichtet, wurden die Kameras der 1960er Jahre immer mehr durch die Integration aller Funktionen in das Kameragehäuse geprägt. In den 1970er Jahren wurde die Mechanik weitgehend durch die Elektronik ersetzt. Wer heute eine Kamera aus den späten 1970er Jahren in der Hand hält, wird nicht auf den ersten Blick erkennen, das dieses Modell über 30 Jahre auf dem Buckel hat. Alles erscheint modern und funktionsgerecht. Moderne Technik bis heute.

In der Kleinbild-Fotografie leuchtet der Name Leica über allen anderen Namen hell und klar. Dies mag nicht verwundern, da die Verwendung des Kineformat-Films (dem heutigen Kleinbildfilm Typ 135) in der Fotografie auf Leica zurückzuführen ist. Wie heißt es so schön, die Konkurrenz schläft nicht und so verlor Leica im Laufe der Jahrzehnte ihre Vormachtstellung. Besonders in der Konstruktion von Spiegelreflex-Kameras hatten andere Kamerahersteller schnell die Nase vorn, weil Leica auf die Vorzüge des Messsuchersystems vertrauend den Zug der Zeit verschlief. Dies führte Mitte der 1970er Jahre zu einer Kooperation mit Minolta. 1976 wurde die Leica R3 vorgestellt, die das technisch überholte, vollmechanische SL-System ablöste. Die Kooperation mit Minolta bot weitreichenden Zugriff auf modernste Kameratechnik und beste Erfahrungen in der Fertigung von elektronischen Bauteilen und in die R3 zog das ein, was der SL-Serie bisher fehlte. Aber bereits zur Präsentation der R3 war klar, dass dies nur ein Übergangsmodell war. Technisch zwar so ausgestattet, dass sie sich im guten Mittelfeld platzieren konnte, aber zu Spitze fehlte doch noch einiges. Diese Spitze wurde ein Jahr später, also 1977, von Minolta vorgestellt. Die XD-7 (in USA XD-11 und in Japan XD genannt) markierte technisch das Spitzenfeld der modernen Spiegelreflexkamera im Kleinbildformat.

Mit dem Start der Minolta XD-7 zeigte sich die Fachpresse verblüfft. Da stand sie nun am Anfang der Plastik-Ära, die stabile Metallkamera mit allen Tributen und Fähigkeiten, die Ingenieure in ein handliches Gehäuse implantieren konnten. Ausgerichtet auf den eher professionellen Bereich der Fotografie, hatte die Kamera einen beachtlichen Objektiv-Fuhrpark höchster Qualität im Rücken und bot somit all das, was ein Profi braucht. Als Wettbewerber standen Nikon und Canon bereits gut aufgestellt im Profi-Markt und auch Olympus und Pentax hatten (eher zaghaft) ihren Claim abgesteckt. Minolta war in dieser Riege eher ein No-Name, was sich nun auf einen Schlag änderte. Bereits die ersten Sätze in der Bedienungsanleitung machen klar, dass die XD-7 mehr als nur eine neue Kamera war. „Die XD-7 ist die erste Kleinbildkamera der Welt, bei der Sie je nach Ihren fotografischen Wünschen entweder die Blende oder die Verschlusszeit vorwählen können.“ Als Verschluss versahen Metall-Lamellen ihren Dienst und die mittenbetonte Integralmessung ließ ohne Zauberei ISO 3200 zu. Und wenn die Elektronik einmal einen Hänger haben sollte, gab es noch immer die mechanische Verschlusszeit von 1/100 sec. Aber das, was Profi-Fotografen magisch anzog, war der außergewöhnlich helle Sucher.

Wer sich an den Bedürfnissen von Profi-Fotografen ausrichtet, muss sehr genau wissen welche Sparte er in den Fokus nimmt. Die Sportfotografie war schon vergeben und fest besetzt. Auch die wissenschaftliche Fotografie war nicht das Feld der Minolta. Eher blickte man konsequent auf die Mode- und Beauty-Fotografie, die im Mittelformat fest in Hasselblad-Hand war. Ohne lange Umwege adaptierte Minolta die Sucherbild-Technik der Hasselblad und gewann so diese Fotografen als Kunden. Ein genialer Schachzug. Demzufolge war es auch nicht nötig, einen Motor der mehr als 2 Bilder pro Sekunde brachte, zu bauen. Für die Modefotografie ein durchaus genügender Wert. Sensationell war, dass eine volle Batterieladung des Winders für 150 Filme mit jeweils 36 Aufnahmen ausreichte. Mehr als genug für ein ausgedehntes Shooting.

Nun könnte man noch viele andere Vorzüge der XD-7 aufzählen, wie z.B. den sanft arbeitenden Auslöser, den Okular-Verschluss am Sucher zum Schutz vor Lichteinfall bei Stativaufnahmen, die  Anzeige aller relevanten Werte im Sucherfenster, den Direktanschluss für Studioblitz-Anlagen, um nur einige zu nennen. Aus der historischen Betrachtung heraus ist wesentlich interessanter, dass die XD-7 tatsächlich in weiten Teilen der Bruder der 1980 erschienen Leica R4mot war. Übrigens war das Kameragehäuse identisch und wurde bis zur R7 von Leica beibehalten. Wer also vor der Wahl steht, seinem Kamera-Fuhrpark eine Leica R4 hinzuzufügen, sollte auch einmal einen Blick auf die Minolta XD-7 werfen. Es ist schon leicht möglich, dass dabei eine neue Liebe entsteht.

  #kamerageschichten

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2 Kommentare zu “Kamera-Geschichten – nicht nur Brüder im Geiste”

  1. berni sagt:

    ich hab meiner xd gerade eine frischkur gegönnt. dichtungen, zeiten, belichtungsmesser und grundreinigung. sie ist es mir wert und sollte jetzt fit sein..für die näxten 10 jahre :-)

  2. [...] scheiß auf eventuelle Ungenauigkeiten. Im Zuge der Zeit hatte ich unter Anderem auf „Leica R4“ und höhere Evolutionsstufen gesetzt. Nur die „Leicaflex SL“ war weiterhin arbeitslos. [...]

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