Kamera-Geschichten – Braunschweiger Erfolgstyp mit Wiesbadener Wurzeln

So manche Geschichte aus der Historie der Fotografie liest sich wie ein Krimi. Seltsamkeit und Absonderliches findet man genau so, wie die eine oder andere Eigentümlichkeit. Von allem ein wenig finden wir in der Geschichte der „Rollei 35“, einer Kleinbild-Kamera aus dem Hause des vielleicht bekanntesten Herstellers für Mittelformat-Kameras. 1966 kam dieser Kleinbild-Winzling an den Markt, wurde über 30 Jahre lang gebaut, brachte es in dieser Zeit auf etwa 2 Millionen verkaufte Exemplare und wird auch noch heute in kleinen Stückzahlen produziert. Und wie überall in der Fotografie gab es schon immer Kritiker und Liebhaber, die vernichtend urteilend oder grenzenlos lobend die Kamera-Geschichte begleitet haben.

Als die kleine Rollei 1966 auf der Photokina vorgestellt wurde, war sie ein Schönling, der gut in den damaligen Zeitgeschmack passte. Etwa so groß wie eine Zigarettenschachtel (9,7 cm Höhe × 6 cm Breite × 3,2 cm Tiefe) und einem Gewicht von ca. 375 g, mit abgerundeten Ecken aber klarer Linienführung passte sie zum Zeitgeist der 1960er Jahre. Chromgehäuse und schwarze Belederung ließen keinen Zweifel: Diese Kamera ist ein Edelstück. Dabei schien es kaum jemanden zu stören, dass diese Sucher-Kamera keine Messsucher-Einrichtung hatte. Eigentlich ein Anachronismus, da andere Kameras schon seit einer halben Ewigkeit das Messsucher-Prinzip pflegten und hegten. Aber so klein und kompakt waren diese Kameras nicht und sie kamen auch nicht aus dem Hause Rollei.

Eine Kleinbild-Kamera von Rollei? Kenner der Kamera-Historie müssten an dieser Stelle eigentlich mit dem Kopf schütteln. Eigentlich kam diese Kamera nicht von Rollei. Zyniker würden sagen, dass dieses feine Gerät den Braunschweigern eigentlich nur zugelaufen ist. Das Werden der „Rollei 35“ begann eigentlich in Wiesbaden. Dort war Heinz Waaske Chefkonstrukteur bei den Wirgin Kamerawerken, die besser unter ihrem Markennamen Edixa bekannt sind. 1962 begann Waaske in seinem Wohnzimmer mit der Konstruktion einer kleinen Kamera für das traditionelle Kleinbild-Format mit der Filmpatrone Typ 135. Dies muss besonders erwähnt werden, da zur damaligen Zeit das Kleinstbild-Format mit 16 mm gerade seinen Höhenflug hatte. Zu diesem Format kommen wir etwas später noch einmal zurück, da es in die Geschichte der „Rollei 35“ eine besondere Würze bringt. Zunächst schauen wir aber auf die Jahre 1962 und 1963. Waaske bastelte also in seinem Wohnzimmer an einer kleinen Kleinbild-Kamera und pflegte dabei seinen technischen Minimalismus. Da er als Konstruktionschef von Wirgin direkten Zugriff auf alle möglichen Zulieferer hatte, die ihm auch gerne einmal einen Gefallen tun wollten, sammelte er also alle benötigten Bauteile wie Belichtungsmesser und Kamera-Optik da ein, wo er sie bekam. Und da musste auch schon einmal die eine oder andere Konvention gebrochen werden, wenn es der Lieferfähigkeit oder dem Baumaß der Kamera dienen sollte. So war Waaske der erste Konstrukteur, der einer Kleinbild-Kamera eine Festbrennweite von 40 mm verpasste – üblich waren 50 mm als sogenannte Normalbrennweite und das leichte Weitwinkel mit 35 mm war eigentlich nur bei Wechseloptik-Systemen bekannt und beliebt. Waaske brach mit dieser Konvention und setzte auf ein 40mm-Objektiv, das über einen Tubus in der Kamera versenkt werden konnte. Und hier haben wir schon das erste und vielleicht bekannteste Detail der späteren „Rollei 35“. Übrigens kennen sehr viele Leute, die absolut nichts von Fotografie verstehen, diese Kamera-Bauform und verbinden diese als Symbol mit der analogen Fotografie.

Waaske ließ also ein funktionsfähiges Kamera-Muster nach seinen Zeichnungen im Musterbau der Wirgin Kamerawerke zusammenbauen und präsentierte es seinem Chef, Heinrich Wirgin. Der betrachtete das Ergebnis kurz und soll angeblich gesagt haben „… da haben Sie für Ihre Entwicklung meine Zeit im Musterbau verbraten.“ Ergebnis: Kein Interesse. Ähnliches erlebte Waaske auch, als er seine „kleine Kleinbild-Kamera“ bei Leica in Wetzlar und Kodak in Stuttgart vorstellte. Ablehnung, überall nur Ablehnung. Hinzu kam noch, dass die Wirgin Kamerawerke den Ausstieg aus der Produktion von Kameras plante, da die japanischen Konkurrenz immer erdrückender und die technische Weiterentwicklung der Edixa-Kameras immer mehr ins Hintertreffen kam. Waaske benötigte nun einen neuen Job und der bot sich bei Rollei in Braunschweig. Für die Rollei-Leute war Waaske kein Unbekannter, da er schon längere Zeit wie ein Stachel in ihrem Fleisch eine verbesserte und kostengünstigere 16mm-Kamera für Wirgin auf den Markt gebracht hatte. Das kam so: Rollei hatte sich überlegt, dass der Verkauf von Kameras ja immer ein gutes Geschäft war, aber danach die Hersteller von Filmen die Früchte ernteten. Deshalb konfektionierten sie den 16mm-Film von Rollei. Kamera und Film von Rollei sollte für langanhaltendes Geschäft sorgen. Die 16mm-Edixa aus der Konstruktionsfeder von Waaske machte den Braunschweigern einen dicken Strich durch die Rechnung. Und nun stand eben dieser Konstrukteur bei Rollei auf der Matte und fragte nach einem Job. Da war es doch fast selbstverständlich, dass man ihn unter Vertrag nahm. Dies war im Januar 1965 und anders als man glauben möchte, sagte Waaske kein Wort von seiner „kleinen Kleinbild-Kamera“ – seine schlechten Erfahrungen und die bisherigen Ablehnungen machten ihn vorsichtig. Erst im März 1965 wagte Waaske den Schritt zur Präsentation – Auslöser war die ihm übertragene Konstruktion der Rollei 26, die als Instamatic-Kamera (Film-Typ 126) mit Wechselobjektiven auf den Markt kommen sollte. Nach Waaskes Ansicht gab es irgendwie keinen Grund, nur wegen der Kamera-Abmessung auf den Kleinbild-Film vom Typ 135 zu verzichten. So präsentierte er also seine Eigenkonstruktion der „kleinen Kleinbild-Kamera“ dem Rollei-Geschäftsführer Dr. Heinrich Peesel. Dieser erkannte das Marktpotential des Winzlings und veranlasste sofort eine Umkonstruktion nach allen Rollei-Regeln. Die Kamera sollte im Spätsommer 1966 auf der Photokina in Köln präsentiert werden. Eile war geboten.

Die vielleicht beste Entscheidung der Rollei-Konstruktion war, als Optik ein Tessar einzubauen. Diese geniale Linsenkonstruktion konnte ohne größere Probleme auf 40 mm Brennweite gerechnet werden. Zudem war dieses auf der optischen Bank auskonstruierte Bauprinzip bekannt für seine Schärfe und Abbildungstoleranz – genau das brauchte eine Sucher-Kamera, bei der die Einstellung der Entfernung geschätzt werden musste Insgesamt wurde die bald „Rollei 35“ genannte Kamera so genau wie nötig und tolerant wie möglich gemacht. So hatte man zum Beispiel Probleme mit überstrahlenden Bildrändern – deshalb wurde das Abbildungsformat etwas größer als 24×36 mm gewählt, damit der übliche Bildbeschnitt den unschönen Makel verdeckte. Alles in Allem gelang es Rollei eine wirklich geniale Kamera an den Markt zu bringen. Das angepeilte Käufersegment waren all jene ambitionierten Foto-Amateure, die eine Kleinbild-Zweitkamera immer dabei haben wollten.

In der über 30jährigen Bauzeit der „Rollei 35“ kamen dann noch einige Veränderungen und Varianten in den Fotofachhandel. Ob diese nun sinnvoll oder unsinnig waren (oft wurde über den Sinn einer vergoldeten Variante gestritten) oder die Herstellung eines „Einsteiger-Typs“ mit einer Sonnar-Optik der richtige Weg war – ab diesem Zeitpunkt wurde die mit dm Tessar ausgestattete Kamera „Rollei 35 T“ und die mit Sonnar „Rollei 35 S“ genannt. 1969 ging man sogar so weit, dass man sich mit einer komplett abgespeckten „35“ in den Billigmarkt einmischen wollte – es entstand die „Rollei C 35“ ohne Belichtungsmesser und mit der dreilinsigen Optik Triotar. Das Schwestermodell „Rollei B 35“ hatte gleichfalls das Triotar, verfügte aber über einen Belichtungsmesser, der die Blenden-Verschlusszeit-Kombination automatisierte. Und nicht mehr alle 35er kamen aus Braunschweig. Da in Singapur ein selbständiges Werk aufgebaut wurde, war die „35“ eine der ersten Auslagerungen. Übrigens gelten gerade die ersten in Singapur gebauten „Rollei 35“ als die besten der gesamten Bauserie.

Heute ist die „Rollei 35“ weit mehr als ein Eckstein der Kamera-Geschichte. Sie trägt nicht nur einen großen Namen und eine beachtliche Historie – sie macht noch immer hervorragende Bilder. Wer sich heute eine solche Kamera zulegen möchte, findet sie in allen möglichen Zuständen. Oft wurden diese feinen Teile jedoch grob behandelt – und das vertragen sie absolut nicht. Zwar ist eine Reparatur heute noch immer möglich, jedoch aufwändig und teuer. Dies ist ein Attribut an die geniale Konstruktionsleistung der Rollei-Mannschaft. Deshalb erreichen sehr gut erhaltene 35er beachtliche Preise, aber es ist immer gut angelegtes Geld. Und häufig wird man dann auf der Straße angesprochen – sehr, sehr viele Leute verbinden die „Rollei 35“ mit Erinnerungen aus den 1960er und 1970er Jahren. Diese Kamera trägt den Flair dieser Zeit, wie auch so mancher Musiktitel, der am Morgen im Radio gespielt, uns den ganzen Tag diese Melodie pfeifen lässt

Bei uns steht übrigens ein sehr schönes Stück aus der frühen Singapur-Fertigung (selbstverständlich mit dem Tessar) zum Verkauf. Interessenten senden bitte eine E-Mail für weitere Informationen.

Dieser Beitrag wurde unter Feine Sachen, Kameras abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten auf Kamera-Geschichten – Braunschweiger Erfolgstyp mit Wiesbadener Wurzeln

  1. Pierre sagt:

    Ich mag meine S auch sehr!
    Die Geschichte kannte ich zwar schon, aber des macht ja nichts!

  2. D. Vollkasko sagt:

    Ich liebe diese Kameravorstellungen–wobei es nichts schadet, wenn es mal eine Kamera trifft, die ich selbst täglich dabei habe. Früher die Rollei 35 LED (f3,5 Triotar), seit einigen Jahren die Rollei 35 SE (f2,8 Sonnar HFT, längere Belichtungszeiten + B). Ich mag die längeren Zeiten gegenüber der 35 LED, und die Belichtungsanzeige durch LEDs im Sucher, da Belichtungseinstellung und Komposition zügig zusammen erfolgen. Außerdem ist die Ablesbarkeit der Belichtungsmessung in Available Light-Situationen besser als mit den Nachführinstrumenten der Rollei 35 T und 35 S. Diese sind dafür in der Street-Fotografie und anderen, hmh, diskreten Aufnahmesituationen besser geeignet, da man ja nicht auffällig durch den Sucher schauen muss, um den Belichtungsmesser ab zu lesen.

    Das einzige, was mir an den Rollei 35 zu meinem Glück fehlt, ist eine Mehrfachbelichtungsoption.

  3. Udo Afalter sagt:

    Neben der Voigtländer Vitessa T ist die Rollei 35 in allen Varianten meine Lieblingskamera. Sehr oft sieht man mich mit einer Rollei 35 S und Fuji X10 durch Braunschweig und/oder Hannover ziehen. In Braunschweig werde ich sehr oft auf meine Rollei 35 “freudig” angesprochen.

    Ja, Braunschweiger Kameras sind was besonderes!

    Gruß, Udo

  4. Kai Klindt sagt:

    Für Streetphotographie ist die kleine Rollei für mich die allererste Wahl. So klein, so diskret, so präzise. Ich bin immer wieder überrascht, was die Kamera in Anbetracht ihrer Größe leistet – und das mehr als 45 Jahre nach ihrer Einführung. Selbst die einfacheren Versionen mit Triotar müssen sich nicht verstecken (und sind dafür auch noch leichter). Vollformat im Zigarettenschachtelmaß – welche Digitale kann das?
    Vielen Dank für die immer gut recherchierten und schön geschriebenen Kamera-Geschichten!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>