Kamera-Geschichten – riesiger Kleinbildzwerg

Gestern wurde über die ursprüngliche „Olympus PEN“ berichtet. Eine Sucherkamera, deren eigentliche Zielgruppe Gelegenheitsfotografen, Urlaubsknipser und all jene waren, die sich mit Kamera- und Fototechnik nicht weiter auseinander setzen wollten. Da dieser Kamerazwerg ein gewaltiger Markterfolg war, drängte es Olympus zur Umsetzung eines hochwertigen Kamera-Modells im Kleinbild-Halbformat. Weitere Vorgaben waren: Einäugiges Spiegelreflex-System, herausragende Bildqualität und eine umfängliche Versorgung mit unterschiedlichen Brennweiten. Es war also nicht damit getan, nur den Belichtungsbereich für die neue SLR-Kamera zu verkleinern. Ganz im Gegenteil, hier mussten Spezialisten ran, da bei einem kleineren Abbildungsformat die Qualität der optischen Einheiten deutlich erhöht werden musste, schließlich wollte man beweisen, dass auch das Halbformat die Qualität des vollen Kleinbildformates haben kann. Keine leichte Aufgabe. Die Konstruktion für lediglich ein Objektiv war schon eine Aufgabe für Spezialisten und recht zeitaufwändig. Wenn man jedoch, so wie es sich Olympus vorstellte, eine ganze Objektiv-Reihe für eine neue Kamera zu Verfügung stellen wollte, musste man gleich mehrere Spezialisten für eine längere Zeit beschäftigen. Und da die Kamera auch noch klein, handlich und eben irgendwie PEN-like sein sollte, mussten auch alle anderen Bauteile Zwergenmaß haben. Nun begann für das Team von Maitani Yoshihisa eine spannende Zeit.

Warum soll man etwas neu erfinden, wenn schon etwas Ähnliches verfügbar war? Mit dem Hintergedanken der Kopie besorgte sich das Team eine „Pentax K“, die damals kleinste und kompakteste SLR-Kamera. Aber schnell wurde klar, dass diese Vorlage nicht miniaturisiert werden konnte. Da Maitani Yoshihisa in seiner Jugend mit einer „Leica M“ fotografiert hatte, kam schließlich der Gedanke auf, die Grundbauform dieser Maßsucherkamera zu verwenden und mit einem Spiegelreflex-System zu versehen. Wir schreiben das Jahr 1961. Erstaunlich schnell kam man auf die Idee, den Spiegelreflex-Gang nicht wie üblich nach oben zu leiten, sondern im Gehäuse (aus Blickrichtung hinten) nach links zu knicken. Somit hatte man schon einmal die Bauhöhe im Zwergenmaß bewerkstelligt. Was sich aber schön und einfach liest, hatte einen erheblichen Nachteil. Nun konnte man keinen Schlitzverschluss mehr einbauen. Auch Zentralverschlüsse waren zu groß und letztendlich auch nicht schnell genug. Es ist nicht überliefert, wie viele Konstruktionsversuche im Praxistest scheiterten. Tatsächlich war man, so schien es, an einer Unmöglichkeit angelangt. Aber einem „Inscheniör ist nichts zu schwör“ und quasi über Nacht wurde ein Verschlusssystem erfunden, das patentiert wurde und schließlich auch zum Einsatz kam. Der Rotorverschluss.

Mit dem Rotorverschluss hatte Olympus eine innovative Lösung für das Problem gefunden. Zwei gegenläufige 6/8-Kreisscheiben rotierten mit einer Geschwindigkeit von 29 Metern pro Sekunde und ließen so eine Belichtungszeit von 1 Sekunde bis 1/500 Sekunde zu. Selbstverständlich gab es auch „B“ für die Dauerbelichtung. Eine Anekdote am Rande: Da auf der Kamera nicht genug Platz war, wurde die Gravur der Verschlusszeiten in ganzen Zahlen angegeben. Und noch etwas brachte dieser neue Verschluss: Er verband die Vorzüge des Schlitzverschlusses mit den Vorteilen des Zentralverschlusses – ausreichend Spielraum für philosophische Glaubenskriege all jener Technik-Freaks, die so gerne das Althergebrachte verteidigen und aus Datenblattern reichlich Honig saugen können. Datenblatt-Kämpfer gab es in der Fotografie schon zu allen Zeiten. Aber so ganz unrecht hatten die Kritiker auch nicht, da die rotierenden Kreisscheiben tatsächlich auf Temperatur-Verwerfungen empfindlich reagierten. Diese mögliche Fehlerquelle hatte man jedoch bei Olympus bereits in der Konstruktionsphase abgestellt – die Kreisscheiben wurden mit einem 35/1000 mm dünnen Titan-Überzug versehen.

Foto aus “Alles über die Olympus PEN-FT”

Hightech und Technikwahn. Der Rotorverschluss war nur der Anfang einer langen Reihe von verbauten Patenten und Besonderheiten. Weiter ging es mit dem Selbstauslöser. Einmal aufgezogen und ausgelöst, hatte man 11 Sekunden Zeit um zum Beispiel für eine Gruppenaufnahme selbst vor die Kamera zu huschen. Normal? Ja! Aber nun kommt es: In der Einstellung „B“ konnte man den Selbstauslöser auch nutzen. Wie gewohnt öffnete der Verschluss nach 11 Sekunden und schloss sich dann wieder nach 4 Sekunden. Eine tolle Funktion für Nachtaufnahmen und Ähnliches. Und speziell für deutsche Fotografen gab es einen Spezial-Service. Es war bekannt, dass in Deutschland Präzision nur durch noch höhere Präzision ersetzt werden kann. Deshalb konnte man auf Wunsch die 4-Sekunden-Zeit seiner Kamera in der Hamburger Olympus-Niederlassung auf +/- 2 Millisekunden justieren lassen. Aber wir greifen vor. Die „Olympus PEN-F“ kam 1963 nach einer schwierigen Konstruktionsphase auf den Markt. Ohne bahnbrechende Erfindungen in vielen Detaillösungen wäre es nie zu dieser Kamera gekommen. Ein Meisterleistung der Ingenieurskunst.

Präzisionsfetisch auch nach dem Verkauf. Olympus konnte und wollte aus ihrer Neigung zur Präzision keinen Hehl machen. So empfahlen sie allen Fotografen, ihre Kamera vor der ersten „echten“ Verwendung auf Dia-Film zu eichen. Hierzu gab es exakte Manuals. Übrigens stellte sich in der Praxis heraus, dass die PEN-F und alle Nachfolger gerade Dia-Fotografen große Freude bereitete. Aus heutiger Sicht ist es schade, dass keine 18×24-Diarahmen mehr gefertigt werden. Aber dafür bringt die heutige Hybrid-Verarbeitung etwas, was sich frühere Fotografen nur mit verhältnismäßig viel Geld leisten konnten: Wundervoll detailreiche Papierabzüge in außergewöhnlicher Schärfe und Farbenpracht. Heutige PEN-F-Fotografen verwenden sehr gerne die Filme „Fuji Velvia 50“, „Fuji Velvia 100F“ und „Fuji Provia 100F“. Diese Filme passen so perfekt zur dieser Kamera, dass man fast der Meinung sein könnte, Fuji habe diese Filme nur entwickelt, um PEN-F-Anwendern eine Freude zu bereiten. Wer weiß …

Die PEN-F wurde im Markt der gehobenen Amateure und Profi-Fotografen als neue Größe positioniert. Selbstverständlich musste da auch das Objektiv-Programm passen. Die Normalbrennweite liegt im Halbformat rechnerisch bei 38 mm (dies entspricht 55 mm bei 24×36 „Vollformat“). Gleich drei Normalbrennweiten standen zur Verfügung: 1,8/38 mm; 1,4/40 mm und 1,2/42 mm. Gewaltige Lichtstärken, da ließ Olympus nichts anbrennen. Und alle Objektive hatten einen Fokusbereich von 35 cm bis Unendlich. Es gab auch ein Kompakt-Objektiv in der Normalbrennweite mit 2,8/38 mm, das zahlenmäßig gut verkauft wurde, sich jedoch bei Fotografen keiner großen Beliebtheit erfreute. Nach „unten“ abgerundet wurde das Objektiv-Programm durch 3 Weitwinkel-Optiken (3,5/20 mm; 4,0/25 mm; 2,8/25 mm). Damit nicht genug. Zwei Portrait-Objektive mit den Lichtstärken 1:1,5 (60 mm) und 1:2,0 (70 mm) deckten den Studio-Bereich ab und zwei Reportage-Tele (3,5/100 mm und 4/150 mm) mit immerhin drei- und vierfacher Vergrößerung, bezogen auf die Normalbrennweite, griffen weit in die Brennweiten-Anforderungen der Profi-Liga. Und auch lange Kanonen standen zur Verfügung: 5/250 mm; 6,3/400 mm und 8/800 mm. Letzteres Objektiv war ein sogenanntes Spiegellinsen-Fernobjektiv und eine echte Spezialität für die Astro- und Natur-Fotografie. Auch damit war es noch nicht genug! Zwei Zoom-Objektive (3,5/50 – 90 mm; 5/100 – 200 mm) waren deutlich mehr, als man sonst am Markt finden konnte. Als letzte Feinheit gab es dann noch ein Makro-Objektiv (3,5/38 mm), mit dem man ohne Zusätze von ganz nah (15,6 cm) bis Unendlich fotografieren konnte.

17 Objektive, ein mehr als reichliches Angebot. Natürlich gab es auch Balgen und Zwischenringe für Makro-Fotografen, Tele-Konverter um Zwischenbrennweiten zu erzeugen und sogar einen Aufsatz für Mikroskope konnte man beziehen. Wem das alles nicht genügte, konnte sich bei Olympus Adapter für Fremd-Objektive kaufen. Somit konnte man Schraub-Optiken von Leica und Canon (M39) verwenden, Exakta-Bajonette ansetzen und Nikon- und Nikkormat-Objektive verwenden. Als Krönung gab es noch einen M42-Adapter, der der PEN-F-Gemeinde den Zugriff auf über 1000 weitere Objektive ermöglichte. Aus heutiger Sicht würde man sagen, die Leute von Olympus waren irre.

Wer zu viel des Guten tut, hat oft das Nachsehen. Die PEN-F-Serie wurde kein großer Erfolg. Weniger als 500.000 Stück wurden in der Gesamtbauzeit von 9 Jahren weltweit verkauft. Schuld daran trug unter Anderem die steife Haltung des Olympus-Managements, die Vielzahl der in der PEN-F-Linie verbauten Patente weder anderen Kamera- noch Objektiv-Herstellern zu öffnen. Zudem wurde das Kleinbild-Halbformat niemals den Makel des Kleinen los, da konnten Testberichte, die das Gegenteil bewiesen auch nichts ausrichten. Gegen festgefahrene Meinungen, die man auch als Vorurteile bezeichnen kann, war kein Kraut gewachsen. Da das Eisen zu heiß war, ließ auch die Fotofachpresse die PEN-F eher links liegen. Als 1972 die letzte Kamera dieses Bautyps vom Band lief, hatte Olympus bereits mit der OM-1 einen würdigen Nachfolger im Vollformat parat, die Zeit des Halbformates war abgelaufen. Wer sich heute mit einer PEN-F ausstatten möchte, muss recht tief in die Tasche greifen. Über Jahrzehnte haben zufriedene Pen-F-Fotografen an ihrer Kamera festgehalten, sie gepflegt und gehegt. Manchmal bekommt man deshalb heute Komplett-Ausstattungen zum Kauf angeboten, die kaum einen Objektivwunsch offen lassen. Und da ist es selbstverständlich, viel kostet viel, auch wenn es sich um einen riesigen Zwerg handelt.

Dieser Beitrag wurde unter Kameras abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>