Gestern haben wir Bilder einer Fototour durch Radebeul und Bautzen gezeigt und die Frage gestellt, wie sich moderne Fotografie mit einer alten Kamera verträgt. Die verwendete Kamera war die „Voigtländer Bessamatic“, gebaut 1959. Viele Anfragen haben uns bezüglich der Kamera erreicht. Offensichtlich ist heute eine der beliebtesten Kleinbild-Spiegelreflexen der späten 50er und frühen 60er Jahre in Vergessenheit geraten. Deshalb sehen wir uns dieses schöne Stück Fototechnik einmal näher an.
In den 1950er Jahren hatte sich Voigtländer, der renommierte und weltbekannte Kamerahersteller aus Braunschweig, gut in der Nachkriegszeit eingerichtet. Anders als bei vielen Wettbewerbern wurden in schneller Folge Neukonstruktionen an den Markt gebracht, die unterschiedliche Segmente der Kameratechnik bedienten. Wie bereits vor dem 2. Weltkrieg, setzte Voigtländer auf die Vielfalt von Formaten und Konstruktionsmerkmalen und bestückte alle Kameras mit hervorragenden Objektiven aus eigener Fertigung. Weltweit war Deutschland führend in der Fototechnik und Voigtländer wusste diese Position hervorragend zu nutzen. Kameras aus Braunschweig hatten Weltruf, Fotografie war ungebrochen Volkshobby Nummer 1 und die Kleinbildtechnik weckte Begehrlichkeiten bei Fotoamateuren. Nachdem Kleinbild-Messsucherkameras in den 1950er Jahren schon weit verbreitet waren – Voigtländer hatte u. A. mit vielen legendären Modellen dazu beigetragen – richtete sich nun der Blick auf das einäugige Spiegelreflex-System im Kleinbild. Ganz modern war der, der einen Belichtungsmesser in die Kamera zu integrieren wusste. Zum Photokina-Jahr 1958 brachte Voigtländer die Bessamatic an den Start – 950 Gramm beste Fototechnik mit integriertem Selen-Belichtungsmesser und Messwertkopplung und im Sucher eingeblendetem Zeigersystem für die Nachjustierung der Belichtungseinstellung, ohne die Kamera vom Auge nehmen zu müssen. Spitzentechnologie für Amateure. Das sollte erst einmal ein anderer Hersteller nachmachen, dachten sich die Braunschweiger Herren.
Um den Wettbewerb auch weiterhin in Atem zu halten, wurde ein ganzer Objektiv-Park konstruiert, da dem Fotovolk für die Bessamatic nicht nur ein Objektiv, sondern gleich eine ganze Fülle unterschiedlicher Linsen zu Verfügung stehen sollten. Konstruktionsgrundlagen hatte man ausreichend in der Schublade und darunter auch klangvolle Namen. So wurde das 50er Skopar zur Standardausrüstung, mit der Lichtstärke 1:2.8 und um das schöne Wort „Color“ erweitert. Vergütungen der Frontlinse sollten die Eignung für die Farbfotografie verbessern, was real betrachtet eine augenzwinkernde Übertreibung war, aber werblich gut kam. Und nicht nur altbekannte Objektivbautypen wurden auf die Bessamatic adaptiert, sondern auch ganz neue, für damalige Begriffe hypermoderne, revolutionäre und innovative Optiken. Wer aber glaubt, all das wäre schon auf der Photokina 1958 zu sehen gewesen, der irrt. Nicht einmal Holzmodelle der geplanten Objektive gab es. Dafür wurden an Fotofachhändler Listen ausgehändigt – versehen mit dem Stempel „Vertraulich!“ – in denen klar und deutlich gesagt wurde, was in Kürze kommen sollte. Übrigens hielt Voigtländer diese Versprechen, auch wenn es bei der einen oder anderen Optik noch ein paar Jahre dauern sollte. Aber egal, der Plan stand und möglich wurde die Vielfalt der Objektive durch einen Zentralverschluss mit angesetztem Bajonett aus dem Hause Deckel. Diese Verschluss-Bajonett-Kombination war übrigens nicht vollkommen neu, da sie bereits bei der „Kodak Retina“ in ähnlicher Form zum Einsatz kam.
Wechselobjektive für Kameras waren beileibe nichts Neues. Aber der Plan, den Voigtländer sich vorgenommen hatte, war sensationell. Fast könnte man behaupten, dass Voigtländer mit der Bessamatic der Initiator des noch heute anhaltenden Objektiv-Fetischs sei. 10 Optiken – in Worten „zehn“ – sollten in in kurzer Folge auf den Markt kommen, koste es, was es wolle. Fragt lieber nicht nach den angepeilten Preisen. Die waren heftig, aber das Deutsche Wirtschaftswunder hatte bereits eingesetzt und alles schien möglich. So standen folgende Objektive auf dem Plan:
SKOPAREX 1:3.4/35 mm
SKOPARGON 1:2/40 mm
COLOR LANTAR 1:2.8/50 mm
COLOR SKOPAR 1:2.8/50 mm
SEPTON 1:2/50 mm
DYNAREX 1:3.4/90 mm
SUPER-DYNAREX 1:4/135 mm
SUPER-DYNAREX 1:4/200 mm
SUPER-DYNAREX 1:5.6/350 mm
Und als Krönung das erste Zoom-Objektiv der Welt: ZOOMAR 1:2.8 mit einem Brennweitenbereich von 36 mm bis 82 mm. Eine Sensation!
Der Preisbereich ging von 1958 angepeilten 70,- D-Mark für das „billige“ COLOR LANTAR bis zu runden 800,- D-Mark für das ZOOMAR. Wie gesagt, wer sich dem Objektiv-Fetisch hingeben wollte, hatte bei Voigtländer ein breites Spielfeld. Übrigens gab es in den frühen 1960er Jahren auch noch ein 100mm-Objektiv, das aber nicht so recht ins Sortiment passen wollte und nach kurzer Bauzeit (etwas weniger als 2 Jahre) auch wieder vom Markt verschwand.
Die „Voigtländer Bessamatic“ wurde schnell zu einer der beliebtesten Kleinbild-Kameras in Deutschland, Benelux, Frankreich und den USA. Als Einsteiger-Modell wurde Anfang der 1960er Jahre auch eine abgespeckte Version angeboten, die ohne Belichtungsmesser auskam, die „Bessamatic M“. Und in der Folge wurde dann auch der Selen-Belichtungsmesser durch einen modernen CdS-Belichtungsmesser ersetzt. In all dem Überschwang bemerkte man bei Voigtländer jedoch nicht, dass die Bessamatic mit ihrem sensationellen Objektiv-Angebot der Anfang des Ausverkaufs an Zeiss war. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wer heute mit einer Bessamatic auf Fototour geht, kann die Berührungspunkte des Historischen mit der Moderne förmlich fühlen. Die Kamera ist schwer, an die Haptik muss man sich erst gewöhnen, alles ist zwar leichtgängig, benötigt jedoch eine zupackende Hand, und ohne lederne Bereitschaftstasche geht eigentlich gar nichts. Der Sucher ist klar, alle benötigten Informationen werden dem Fotografen auf einen Blick angeboten, aber man ist auf das Wesentliche reduziert – erst mit späteren Modellen gab es eine Einspiegelung der Blende und Verschlusszeit. Wer schnelle Fotografie bevorzugt, muss mit der Bessamatic üben, üben, üben. Die Objektive wären noch heute Stand der Technik, wenn nicht Ende der 1950er Jahre ein ganz anderer Bildstil von Fotografen gefordert worden wäre. Sehr gute Schärfe und feines Kontrastverhalten war sowieso Programm. Dabei erscheinen alle geschossenen Bilder sehr weich und angenehm. Die Objektive lieben Licht, haben niemals Probleme mit Gegenlicht und sind auch in Motivsituationen mit großen Hell-Dunkel-Unterschieden eine wahre Wonne. Die vielleicht beste Filmbestückung aus heutiger Sicht findet man im Sortiment der Ilford-Filme, weil deren Bildsprache der Bessamatic sehr entgegen kommt. Dabei ist es egal, ab es ISO 50 oder ISO 400 sind. Die Bessamatic und all ihre Objektive kommen damit locker zurecht. Aber auch weitaus höhere ISOs sind willkommen. Schon der Selen-Belichtungsmesser der ersten Serie lässt ISO 3200 (damals noch als ASA bezeichnet, das entsprach 36° DIN) zu und misst diese auch erstaunlich genau aus. Die „Voigtländer Bessamatic“ war eine tolle Kamera und das ist sie auch noch heute. Wer in heutiger Zeit erstmals eine Bessamatic in Händen hält, wird in der Regel über ihren guten Erhaltungszustand überrascht sein – die soliden 950 Gramm Metall wurden von den Konstrukteuren bei Voigtländer offensichtlich gut angelegt.



Hallo Michael,
sehr schöner Artikel über die Bessamatic. Ich möchte die Interessenten einer Bessamatic/Ultramatic Ausrüstung darauf hinweisen, daß man nach einer leichten Modifikation auch die Objektive mit dem sogenannten Deutschen Einheitsbajonett verwenden kann.
Ein Schneider Curtagon 1:4/28 mm ergänzt meine Voigtländer Objektive im WW Bereich “nach unten”.
Gruß, Udo
Danke Udo, das ist ein sehr guter Tipp!
Hallo Michael,
Erst jetzt habe ich entdeckt, dass Ihr hier über diese wunderschöne Kamera berichtet, obwohl ich euren Feed abonniert habe.
Wie gesagt, sie ist ein Traum…
Durch ihre komplizierte Mechanik wird sie als schwer reparierbar angesehen. Meine hatte anfangs auch Ladehemmungen – sprich sie löste erst aus mit einer erheblichen Verzögerung. Dies habe ich unter Kontrolle gebracht indem ich sie in die Sonne legte, damit sie schön warm wird und im Anschluss ca. 2 Std. ununterbrochen mit allen Zeiten ausgelöst habe. Man kann sie auch 10 – 15 Minuten bei 50 Grad in den Backofen legen und danach auslösen.
Das Auslöseproblem haben ja viele alte Kameras, die nur zur Zierde in der Vitrine lagen.
Nichtsdestotrotz liebe ich die Haptik und das Handling dieser Kamera.
Auch ich habe über sie auf meiner Internetseite einen Erfahrungsbericht geschrieben.
Wen es interessiert, der kann hier weiter lesen…
http://juergenadler.jimdo.com/technikgedöns/hardware-voigtländer-bessamatic/
Viele Grüße Jürgen
P.S. ich freue mich schon auf die neue Ausgabe der Photoklassik und hoffe die wird genauso toll wie die letzte.