In Kreisen der selbst entwickelnden Schwarzweiß-Fotografen gibt es ein Thema, das stets heiß diskutiert wird. Der Kipp-Rhythmus. Wie wird während der Entwicklung die Entwicklerdose richtig gekippt. Märchen und Legenden ranken sich genau so um das Thema, wie auch Wahrheiten und Fakten. Da immer mehr Neuanaloge die Entwicklung ihrer Filme selbst in die Hand nehmen, werden wir heute dieses heiße Thema einmal ausführlich beleuchten.
Die Entwicklung von Filmen ist ein chemischer Prozess. Man könnte nun eine ellenlange Abhandlung schreiben, die alle Aspekte der Filmentwicklung auf eine wissenschaftliche Basis zurückführt, um als Schlussfolgerung die wahrscheinlich einzig richtige Methode der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Aber bevor man jedoch an diesen Punkt käme, würde ein Expertenstreit losbrechen, der Thesen und Antithesen aufeinander prallen ließe. Und der Nutzen? Keiner! Daraus würde noch kein einziges gutes Bild entstehen. Wie denn auch? Alle Analogfotografen der letzten 100 Jahre mussten sich daran gewöhnen, dass die Analogfotografie in sich einen anarchischen Kern trägt – und auch in den nächsten 100 Jahren wird das so bleiben. Und genau das ist es: Aus der scheinbaren Anarchie entstehen wunderbare und bemerkenswerte Ergebnisse. Aber ganz so anarchisch ist die Filmentwicklung gar nicht, es gibt jedoch eine Menge unterschiedlicher Parameter, die richtig eingesetzt enorme Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Wir müssen uns nur von der sklavischen Befolgung von Normen befreien, um das Maximum aus unserer Fotografie heraus zu holen. Hierzu sollte man jedoch möglichst viele Arbeitsmethoden kennen. In der Filmentwicklung ist das der Kipp-Rhythmus. Und dieser dient, ganz platt ausgedrückt, der ständigen Zufuhr frischer Entwicklerlösung am Film. Halt! Jetzt wird es theoretisch. Schauen wir zunächst in die Praxis.
Im Wechselsack oder einem komplett dunklen Raum bringt man den belichteten Film in die Entwicklerdose. Deckel drauf und dann kann man bei normalem Licht sein Handwerk fortsetzen. In den meisten Fällen wird der Film zunächst vorgewässert. Dann füllt man eine zuvor angesetzte Arbeitslösung Entwickler in die Dose. Zunächst schüttelt man das Ganze gut durch – zwischen 30 Sekunden und eine Minute ist ideal. Man stößt die Dose dann mit dem Boden leicht auf, damit sich alle Luftblasen lösen. Nun verrinnen die Minuten der Entwicklungszeit. Um eine gute Durchmischung der Arbeitslösung zu gewährleisten, muss die Dose in gewissen Zeitabständen bewegt werden. Dies nennt man den Kipp-Rhythmus. In Deutschland hat sich der Kipp-Rhythmus nach AGFA eingebürgert (die ersten 30 Sekunden permanent kippen, danach alle 30 Sekunden ein mal vor und zurück kippen), in England wird häufig nach Ilford-Rhythmus entwickelt (die ersten 30 Sekunden permanent kippen, danach jede Minute ein mal vor und zurück kippen). Andere Länder, andere Sitten – andere Fotografen, andere Arbeitsmethoden. So bewegte zum Beispiel Anselm Adams eine Entwicklerdose nur alle 3 Minuten. Viele Profi-Fotografen kippten nicht, sondern ließen die Dose aus dem Handgelenk kurz rotieren. Und zu allem Überfluss gibt es dann auch noch die Standentwicklung, bei der die Entwicklerdose nur alle 10 Minuten oder manchmal sogar überhaupt nicht bewegt wird. Jetzt ist die Verwirrung so weit vorangetrieben, dass wir uns um die wirklichen Feinheiten kümmern können.
Fakt ist, dass der Kipp-Rhythmus mit der Dauer der Entwicklungszeit zusammen hängt. Wer zum Beispiel einen Film innerhalb von 4 Minuten fertig entwickelt, wird unweigerlich auf den AGFA-Rhythmus zurückgreifen, oder den von Ilford. Was bewirken diese unterschiedlichen Rhythmen? Durch die Bewegung werden die Lichter deutlicher. Wer weniger bewegt, wird leicht „gedeckte“ Lichter bekommen, wer viel bewegt wird hell strahlende Lichter erhalten. Schauen wir auf die Bilder von Anselm Adams. Dort fallen uns die gut differenzierten Lichter sofort ins Auge. Natürlich hat das auch etwas mit der Belichtungsmethode zu tun, aber der Kipp-Rhythmus in der Entwicklung trägt einen erheblichen Teil zum Bildausdruck bei. In der Regel kann man je nach eigenem Geschmack und Art seiner Bilder einen Kipp-Rhythmus zwischen 30 Sekunden und 5 Minuten wählen. Selbstverständlich hängt das auch mit dem Entwickler zusammen – nicht jeder Entwickler erlaubt einen Rhythmus von 5 Minuten. Aber das wird in der Regel in den Datenblättern zur Foto-Chemie bekanntgegeben.
Da war doch noch die Frage ob Kippen oder Rotieren besser ist. Viele Profi-Fotografen waren darauf bedacht, dass der zu entwickelnde Film während des Entwicklungsprozesses immer komplett in der Arbeitslösung bleibt. Diese Fotografen praktizieren das leichte Rotieren, indem sie die Dose in gewissen Zeitabständen ein oder zwei Mal aus dem Handgelenk um die eigene Achse drehen lassen. Jeder macht es wie er will, die Wirkung auf die Lichter ist in jedem Fall die gleiche. Und was ist nun von der Standentwicklung zu halten? Hier betreten wir einen speziellen Bereich, der nur mit ganz speziellen Entwicklern vorgenommen werden kann. In den nächsten Tagen werden wir etwas intensiver auf die Standentwicklung eingehen, die eigentlich keine Bewegung der Entwicklerdose benötigt, aber einige ganz spezielle Effekte bringt.
Jetzt können wir auch mit einigen Ammenmärchen aufräumen, die sich um den Kipp-Rhythmus ranken. Es ist keinesfalls so, dass durch ein häufiges Kippen eine Push-Entwicklung erreicht wird. Manche Fotografen glauben, die durch einen kurzen Kipp-Rhythmus stärker strahlenden Lichter wären ein Indiz für eine Empfindlichkeitssteigerung des Films. Dies ist nicht der Fall. Gleichwohl können sich jedoch die Kontraste verstärken. Aber dies wird eher durch den gewählten Entwickler gefördert, als durch das Kippen. Gleichfalls ein vollkommener Blödsinn ist der Start der Entwicklung als Standentwicklung, um gegen Ende dann in heftiges Schütteln überzugehen. Wer sich mit Entwicklern auskennt weiß, dass die erste Phase der Entwicklung von entscheidender Bedeutung ist. Die Anentwicklung, also die ersten ein bis zwei Minuten, entscheiden darüber ob feine Kontraste oder ein flaues Irgendwas das Bild beherrschen. Im Extremfall kann mangelnde Bewegung in der Anfangsphase sogar seltsame Streifen auf dem Negativ erzeugen (die sehen so aus, als wäre die Entwicklerflüssigkeit ungleichmäßig am Film herunter gelaufen). Aber egal was man macht, nach jeder Bewegung der Entwicklerdose muss man diese leicht aufstoßen, damit sich die eventuell gebildeten Luftblasen vom Film lösen.
Jede Regel hat Ausnahmen. Alles hier Gesagte trifft auf die 1-Phasen-Entwicklung zu. Die 2-Phasen-Entwicklung (zum Beispiel beim „HCD new“, bei Verwendung des Start-Prozesses) ist so aufgebaut, dass in der ersten Entwicklungsphase zunächst 30 Sekunden permanent bewegt wird und der Rest der Zeit eine Standentwicklung darstellt. Erst in der zweiten Phase kommt dann das oben Gesagte zum Tragen und man kann durch unterschiedliche Kipp-Rhythmen unterschiedliche Ausprägung der Lichter erzeugen. Dann gibt es Entwickler, die ausschließlich mit wenig Bewegung funktionieren. Diese werden heute nicht mehr so häufig verwendet, sind aber in ihrer Bildwirkung sehr interessant. So wird zum Beispiel in der MixTour-Rezeptur „Feinkorn V2“ alle 10 Minuten gekippt und man kann auch vollkommen darauf verzichten und zur Standentwicklung übergehen. Etwas anders funktioniert die 2-Phasen-Entwicklung der MixTour-Rezeptur „Unifine“, bei der der kürzeste Kipp-Rhythmus bei 5 Minuten liegt, aber es ist keine Standentwicklung möglich. Auf jeden Fall ist das Kippen und Bewegen für den Bildausdruck von großer Bedeutung – aber andererseits sind weder AGFA-, Ilford- noch Adams-Rhythmen eiserne Gesetze. Den richtigen Kipp-Rhythmus muss sich jeder Fotograf selbst erarbeiten.



Spannende Sache,
das mit dem Kipprhythmus. Ich persönlich benutze die Methode nach Hopfen und Malz bei der jedem Kippen der Entwicklerdose ein kippen der Bierdose erfolgen muss. Hierbei liegt es wohl auf der Hand das ich die Methode nach AGFA nur bei sehr kurzen Entwicklungszeiten verwende. Ansonsten laufe ich bei dem vielen Bier das meine Kehle herunter läuft Gefahr selbst zu kippen. Die Methode nach Ilford beschert mir hingegen viel Freude. Einerseits mit den Ergebnissen auf den Negativen und natürlich auch hinsichtlich der Bierseeligkeit. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Standentwicklung habe ich auch mal ausprobiert aber das kam gar nicht gut. Am Anfang hat es zwar ganz gut hingehauen die Bierdose einfach stehen zu lassen. Aber nach einiger Zeit des Betrachtens der kühlen, erfrischung versprechenden Aludose mit ihren Kondenswassertröpfchen auf dem wohlgeformten Körper bin ich in eine Kippentwicklung mit schnellem Schütteln übergegangen. Die wiederum hat bewirkt das meine eigene Standfestigkeit flöten ging und meine Lichter derart unterentwickelt wurden dass sie schlicht und einfach ausgingen. Was lernt man davon? Beim Filme entwickeln immer auf einem stabilen Stuhl sitzen.
In dem Sinne: Viel Spass euch allen beim Entwickeln, kontrollierten Kippen und “Entwickler” ausproBIERen
Interessanter Artikel, vielen Dank.
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Ich bin ganz am Beginn der Lernkurve und wunderte mich über die zu hellen Himmel bei sonst guter Belichtung, habe aber eine “youtube” Kippmethode gewählt, am Anfang 60 sec, dann alle Minute 10 sec.
Ich werde mal weniger arbeiten und möglicherweise die vorgenannte Methode dazunhemen
drahreg, der Kipprhythmus sollte niemals “schneller” sein als (nach Agfa) 30 Sekunden permanent und dann alle 30 Sekunden 1x kippen. Für viele SW-Profis ist das aber auch schon zu schnell und sie bevorzugen den Ilford-Kipprhythmus (30 Sekunden permanent und dann all 1 Minute 1x).
Es gibt sogar einen Entwickler (SPUR Acurol), mit dem man u.A. durch Kipprhythmus den Bildausdruck sehr fein steuern kann. Da geht es von 1 Minute bis hin zu 10 Minuten und auch noch langsamer. Es lohnt sich wirklich, in dieser Beziehung ein wenig zu testen und spielen.