Schöne Spielerei – Doppel- und Mehrfach-Belichtung

Die Analogfotografie lädt immer wieder zu Spielereien ein. Heute wenden wir uns der Doppelbelichtung zu und zeigen, dass man auch dreifach, vierfach und noch häufiger belichten kann. Was gibt es zu beachten und wie macht man das? Die nachfolgenden Tipps, Tricks und fachlichen Hintergründe zeigen, dass die Doppel- und Mehrfachbelichtung sogar mehr als eine Spielerei sein kann.

Die Doppelbelichtung ist ein sehr altes Stilmittel in der Fotografie. In früheren Jahren war es sogar ein unerwünschter Effekt, da man ungewollt Doppelbelichtungen bekam, wenn man vergessen hatte den Film weiter zu transportieren. Viele Kamera-Hersteller warben sogar damit, dass ihre neuesten Modelle eine Doppelbelichtungssperre hatten. Nun ja, für den normalen Hausgebrauch war das sicher sinnvoll, aber einige Foto-Künstler wollten genau diesen Doppelbelichtungseffekt. Zudem ist die mehrfache Auslösung auf einem Bild sogar eine spezielle Arbeitsweise, mit der sich die ganz frühen Fotografen auch bei schwachem Licht und niedrigster ISO ihre heute noch einmaligen Bilder erarbeiteten.

Die Grundlage
Wenn man ein Filmmaterial nutzt, das zum Beispiel eine Nennempfindlichkeit von ISO 100 hat, dann misst man mit dem Belichtungsmesser genau diesen Wert aus. Dieser Wert ist das, was einer einmaligen Öffnung und Schließung des Kameraverschlusses entspricht. Wenn man nun den Verschluss auf der gleichen Filmstelle zwei oder drei oder gar vier Mal mit dieser Einstellung öffnet und schließt, dann bekommt der Film auch zweimal, dreimal oder viermal so viel Licht, als er „erwartet“. Dies ist logisch und genau das passiert bei einer Zweifach, Dreifach oder gar Vierfach-Belichtung. Zwar stimmt das nicht zu 100%, ist aber eine gute Faustformel. Wenn man also einen Film mit ISO 100 in der Kamera hat und mittendrin eine Doppelbelichtung machen möchte, dann stellt man den Belichtungsmesser auf ISO 50, drückt ab, drückt nochmals ab und alles ist soweit im grünen Bereich. Für das einfache und gelegentliche Spielen reicht dieses Wissen aus. Für die Bildgestaltung ist die Doppelbelichtung eine sehr schöne Spielerei und es lohnt sich, gelegentlich solche Bilder zu machen.

Die Spielerei
Nachdem wir in der letzten Woche einen Bericht über die Leidox veröffentlicht haben, kam die Idee, mit diesem Schätzchen mal wieder auf Mehrfachbelichtungen zu gehen. Die Gelegenheit bot sich bei den Test-Shootings für die DOM-Beispielbilder. Da es sowieso interessant ist, wie der efke 100 auf die Grobkorn-Entwicklung reagiert, wurde die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Hier die unbearbeiteten Bilder. Natürlich hat Michael K. Trout es nicht bei der Doppelbelichtung belassen und ISO 100 war ihm auch zu langweilig.

Die Genauigkeit
Wer die Doppel- und Mehrfach-Belichtung ganz präzise durchführen möchte, muss sich etwas genauer mit den Eigenschaften des Filmmaterials befassen. Real ist es so, dass eine Vorbelichtung die Nennempfindlichkeit des Films reduziert. Dies bedeutet, dass das erste Auslösen eine bildliche Belichtung bringt und alle weiteren Aufnahmen mit einer geringeren Intensität abgelichtet werden. Da jede Filmemulsion etwas anders reagiert, wird man das Mehrfachbelichtungsverhalten nur durch Testreihen ermitteln können. Man kann jedoch sagen, dass die erste Auslösung die deutlichsten Bildspuren auf dem Film hinterlässt und alle weiteren Belichtungen weniger intensiv wirken. Der Empfindlichkeitsverlust beträgt ungefähr 1/4 Blende bei jeder weiteren Belichtung. In der Schwarzweiß-Fotografie muss man jedoch nicht so exakt rechnen, da moderne Entwickler da eine Hilfestellung geben. Trotzdem hier ein Rechenbeispiel: Wenn ein ISO100-Film mit einer Belichtung von 4 x ISO100 belichtet wird, könnte man von einer ISO400-Gesamtbelichtung ausgehen. Real ergibt sich jedoch eine Gesamtbelichtung von ISO 320. Wie kommt das? Ganz einfach! Die erste Belichtung wird nicht gerechnet, weil sie die Grundbelichtung darstellt. Somit hat man bei der zweiten Belichtung einen Verlust von 1/4 Blende und jede weitere Belichtung reduziert um ein weiteres Drittel. Da wir keine Wissenschaftler sondern Fotografen sind, können wir also bei einer 4x100ISO-Belichtung von einer Gesamtbelichtung von ISO 320 ausgehen. Wieso ist beim exakten Arbeiten trotzdem eine Toleranz möglich? Die Problemlösung findet man in Entwicklern.

Das Entwickler-Wunder
Es gibt Entwickler-Typen, die überstrahlende Lichter hervorragend dämpfen. Dies bedeutet, dass zwar das Negativ hervorragend ausentwickelt wird, jedoch das Ausreißen der Lichter faktisch gedämpft wird. Wie auch bei der Langzeitbelichtung, leisten in der Grobkorn-Entwicklung der DOM und in der Feinkorn-Entwicklung der SD2525 hervorragende Dienste. In der farbigen Entwicklung mit C-41 ist grundsätzlich eine Blendentoleranz „eingebaut“. In der Dia-Fotografie hilft gar nichts, da muss man gnadenlos genau rechnen.

Spezialisten-Belichtung
Anders als in den hier gezeigten Bildbeispielen, die eine künstlerische Bildgestaltung ermöglichen, kann man die Doppel- und Mehrfach-Belichtung auch in anderen Situationen nutzen. Diese Belichtungsart wird häufig in schlechten Lichtsituationen eingesetzt, die ohne zusätzliche Lichtquellen trotzdem ein hervorragendes Bild ergeben. Hier wird jedoch nicht additiv die Filmempfindlichkeit bei jeder Belichtung nach oben geschraubt, sondern im Vorhinein wird die Nennempfindlichkeit in einzelne Sequenzen geteilt. Über den Daumen gerechnet kann man mit 4 Belichtungen a ISO 25 auf ISO 100 (da hatte sich ein Fehler eingeschlichen) ISO 100 auf ISO 25 kommen, bei genauer Rechnung wären es sogar 5 Belichtungen. Man kommt also auf mehrere Belichtungen, die eine maximale Lichtausbeute garantieren. Ein solches Bild erscheint wesentlich heller, als eine Aufnahme mit nur einer Verschlusszeit. Zudem kann man mit dieser Belichtungsmethode sogar störende Elemente „ausblenden“, wie zum Beispiel Radfahrer in einer Straßenszene, Vogelschwärme bei einer Landschaftsaufnahme oder Publikum in einer Kirche. Da das Ganze jedoch sehr stark vom Emulsionstyp abhängt, wird man beim ersten Bild einen Versuch machen müssen und das Material auf die Belichtungsmethode eintesten. Und selbstverständlich braucht man für diese Art der Fotografie ein stabiles Stativ. Wer einmal die Mehrfachbelichtung in einer diffus beleuchteten Kirche ausprobiert, wird sehr erstaunt sein, wie groß der Zuwachs an Licht und Detailgenauigkeit sein kann. Die Doppel- und Mehrfachbelichtung ist somit nicht nur eine fotografische Spielerei.

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6 Antworten auf Schöne Spielerei – Doppel- und Mehrfach-Belichtung

  1. boris sagt:

    Der aufmerksame Leser erinnert sich bei der Gelegenheit an das seinerzeitige Mitmachprojekt vom Herrn Trout http://www.mktrout.de/?p=2733 bei dem ja die Doppelbelichtung in der Vorlageserie auch zum Tragen kam…

  2. Michael sagt:

    Ähm, habt ihr euch da bei den ISO-Werten nicht vertan? Wenn ich den Belichtungsmesser von ISO 100 auf ISO 50 stelle, zeigt der doch z.B. eine doppelt so lange Belichtungszeit an. Und wenn ich damit dann auch noch eine Doppelbelichtung mache, habe ich plötzlich viermal so viel Licht auf dem Film wie mit ISO 100!

    Aber grundsätzlich sehr interessant! Das mit der abnehmenden Empfindlichkeit je Aufnahme wusste ich noch nicht, ebenso wie die Mehrfachbelichtungsmethode bei schlechten Lichtverhältnissen.

  3. spuersinn sagt:

    Michael, ein Sprung von einer Norm-ISO auf die nächste entspricht immer einer Blende.
    Die ISO-Normreihe ist: 12, 25, 50, 100, 200, 400, 800, 1600 usw.
    Wenn also (ohne Beachtung der Regel des Empfindlichkeitsverlustes) bei einer Doppelbelichtung 2x ISO 50 genommen wird, ergäbe dies ISO 100. Man kann es natürlich auch “richtiger” machen und 2x ISO 62 wählen, oder “weniger falsch” wenn man 2x ISO 80 nimmt. Mit einem “toleranten Entwickler” wird man bei einer Doppelbelichtung zwischen “richtig” und “falsch” wenig Unterschied sehen. Bei einer Mehrfachbelichtung sieht man das schon eher und bei einem Farb-Dia tritt die Falschbelichtung deutlicher hervor.

    Wie gesagt, 1/4 Blende ist der richtige Rechenansatz. Und man darf trotzdem nicht vergessen, daß je nach verwendeter Emulsion auch hier Belichtungstoleranzen “eingegossen” sind.

  4. Moondragon sagt:

    Ok, ich glaub ich muss nochmal etwas ausführlicher erklaren, was ich meine.

    Angenommen, die Sonne scheint und ich habe einen ISO 100 Film in der Kamera und komme somit auf eine Belichtungszeit von 1/125 bei Blende 16. Wenn ich jetzt eine Doppelbelichtung machen will, sagt ihr, ich solle den Belichtungsmesser auf ISO 50 stellen. Ich mache das und bekomme als neue Belichtungszeit 1/60 (oder alternativ Blende 11). Wenn ich jetzt mit 1/60 eine Belichtung mache, habe ich schon doppelt so viel Licht auf dem Film wie mit der ursprünglich gemessenen 1/125. Mache ich jetzt auch noch die zweite Belichtung, verdoppelt sich die eingefangene Lichtmenge erneut. Effektiv habe ich jetzt 1/30 Sekunde lang belichtet (2 x 1/60), bei unveränderter Blende und ISO (des Films).

    Zusammengefasst (einfache Belichtung Doppelbelichtung):
    ISO (Film): 100 100
    Blende: 16 16
    Zeit: 1/125 1/60 + 1/60 = 1/30

    Nach meinem Verständnis müsste man den Belichtungsmesser für die Doppelbelichtung eine Blendenstufe nach oben setzen, also in diesem Falle auf ISO 200. Somit würde ich auf 1/250 je Doppelbelichtungshälfte kommen:

    ISO (Film): 100 100
    Blende: 16 16
    Zeit: 1/125 1/250 + 1/250 = 1/125

    Ich hoffe das war soweit verständlich. Den Empfindlichkeitsverlust und die Belichtungstoleranzen habe ich der Einfachheit halber außen vor gelassen.

  5. Moondragon sagt:

    Argh! Ich habe zwischen den Vergleichswerten eigentlich ein Trennzeichen eingefügt, das die Blogsoftware nun wohl verschluckt hat. Neuer Versuch:

    Zusammengefasst (einfache Belichtung | Doppelbelichtung):
    ISO (Film): 100 | 100
    Blende: 16 | 16
    Zeit: 1/125 | 1/60 + 1/60 = 1/30

    ISO (Film): 100 | 100
    Blende: 16 | 16
    Zeit: 1/125 | 1/250 + 1/250 = 1/125

  6. spuersinn sagt:

    Moondragon, hier scheinen sich Mißverständnisse einzuschleichen.

    Wenn man von “unten” nach “oben” kalkuliert, dann rechnen sich die ISO-Zahlen additiv nach oben.
    Wenn man mit einem ISO100-Film loszieht und für eine Doppelbelichtung von “oben” nach “unten” rechnen möchte, ist Dein zweiter Ansatz richtig, weil sich dann tatsächlich aus 2x 1/250 das 1/125 ergibt.
    Der erste Rechenansatz, also 2x 1/60, würde 1/30 ergeben, also nicht zur angemessenen Belichtungszeit von 1/125 passen.

    Tatsächlich, im Blog-Artikel hat sich ein dicker Fehler eingeschlichen. Im Absatz “Spezialisten-Belichtung” wird natürlich ein ISO25-Film auf 4 Belichtungen (richtiger sogar 5 Belichtungen) a ISO 100 aufgeteilt. Sorry, das war jetzt ein echter Fettnapf.

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