Schwarzweiß-Bilder werden bunt – Teil 2

Ein Schwarzweiß-Bild müsste doch eigentlich schwarzweiß sein, werden viele Leser denken. In der Geschichte der Fotografie gab es schon immer Bewegungen, die auf extravagante Farbtöne abhoben, um dem Schwarzweißen Farbe zu verleihen. In unserer kleinen Artikelserie kümmern wir uns um das bunte Schwarzweiß-Bild. Bereits gestern haben wir ein Entwicklungsverfahren vorgestellt, bei dem in der Dunkelkammer außergewöhnliche Farbtöne entstehen. In der Lith-Entwicklung entwickelt sich das Bild ganz natürlich und ohne Zugabe von Farbstoffen und zeigt doch Farbigkeit. Heute stellen wir ein Verfahren vor, das auf den ersten Blick dem Lith-Print ähnlich ist, jedoch anders funktioniert und andere Effekte bringt. Heute geht es nicht nur um die Farbe im Schwarzweiß-Bild, sondern auch um einmalige Effekte, die Unikat-Kunst noch expliziter in den Mittelpunkt stellt. Zudem ist der historische Hintergrund des Verfahrens sehr interessant. Tauchen wir also ab und beginnen mit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Manche Geschichten in der Fotografie scheinen einem Krimi entnommen. In den 1920er Jahren war Paris die Welthauptstadt des Surrealismus. Schauspieler, Tänzer, Musiker, Literaten und Maler befassten sich in ihren Werken und Darbietungen mit der Verfremdung des Lebensraumes und aller darin zu findenden Lebewesen. Natürliches schien in der Kunst keinen Raum mehr zu haben. Selbstverständlich wurden auch Fotografen in diesen Bann gezogen. Ein wenig Abstraktion und etwas mehr Verfremdung rückte in die Fotografie. Trotzdem blieben die Pariser Fotografen noch recht konservativ in ihren Bildgestaltungen. Deutlich weiter gingen die Fotografen der Tschechischen Avantgarde. Beeinflusst durch den Pariser Surrealismus brachten tschechische Fotografen die surrealistische Fotografie auf den Punkt. Beeinflusst durch Man Ray schufen große Namen wie László Moholy-Nagy, Jaroslav Rössler, Jaromir Funke und andere surrealistische Bilder, deren Eindringlichkeit und Bildausdruck uns noch heute in Erstaunen versetzen. Auch in der Bildausarbeitung wurden neue Wege beschritten. Leider setzten die Wirren des heraufziehenden Nationalsozialismus dem künstlerischen Schaffen ein jähes Ende. Als Entartete Kunst wurden die meisten dieser Bilder verbrannt und auch die Verfahrensbeschreibungen der Entwicklungsmethoden gingen verloren. Deshalb ist nicht viel aus dieser Zeit überliefert. Lediglich in einigen Museen (z.B. Kunstgewerbemuseum Prag und Mährische Galerie Brünn) werden gerettete Bilder gezeigt und einige wenige Bücher überliefern uns, was die damaligen Künstler des fotografischen Surrealismus geleistet haben. Schon vor einigen Jahren verliebte sich Michael K. Trout in diese Bildausdrücke und so versuchte er, eines der beliebtesten Entwicklungsverfahren in der Dunkelkammer wieder neu zu erfinden.

Da es den Fotografen der Tschechischen Avantgarde um die Entwicklungsverfahren ging und weniger um den klangvollen Namen der Methode, ist es heute sehr schwer, die Hintergründe und Rezepturen der Fotochemie nachzuverfolgen. Michael K. Trout hat einen Weg gefunden, eines der in den 1920er Jahren von den fotografischen Surrealisten genutztes Verfahren nachzuempfinden. Er nennt es „Oxyprint“, da es sich um eine Oxydationsentwicklung handelt. Ähnlich dem Lith-Verfahren wird das Fotopapier überbelichtet, jedoch weniger stark. Es genügt oft schon zwei oder drei Sekunden mehr Licht zu geben. Beim Oxyprint ist es sogar nahezu unerheblich, welches Fotopapier man verwendet. Eigentlich ist jedes Papier einsetzbar und sogar die Gradationswandlung von Multigrade-Papieren ist nutzbar – Splitgrade funktioniert auch. Die Entwicklung erfolgt in der Fotoschale auf Sicht – dies bedeutet, dass man die sehr langsame Entwicklung des Bildes unter Rotlicht beobachtet und abschätzt. In der Regel dauert ein Entwicklungsvorgang 10 Minuten und länger. Ein Vorteil: Während der Entwicklung muss die Schale nicht permanent bewegt werden. Durch die langsame Entwicklung und den dabei in Gang gesetzten Gerbprozess der Oxydationsentwicklung verfärben sich die Bilder tiefbraun, rot und gelb, mit allen möglichen Schattierungen.

Bei den Bildern der Tschechischen Avantgarde fällt auf, dass es sich immer um Unikate handelt, die sogar bewusst erzeugte Fehler aufweisen. Gerade diese „Entwicklungsfehler“ sind eine interessante Möglichkeit, wenn man das außergewöhnlich Bild, das echte Unikat schaffen möchte. Und tatsächlich, mit dem „Oxyprint“ lassen sich „Fehler“ provozieren und bewusst setzen.

Die Spannbreite der Variationen bei einer Oxyprint-Entwicklung ist gewaltig. Da die Arbeitslösung ungefähr 2 Stunden lang einen kontinuierlich fortschreitenden Oxydationsprozess durchläuft, nehmen auch absolut gleich belichtete Bildserien von Bild zu Bild einen anderen Ausdruck an. Dies kann man sehr gut in der Spürsinn-Galerie beim oben gezeigten Bild sehen. In einem Arbeitsansatz von 500 ml können 5 bis 6 Bilder 13×18 cm oder 2 bis 3 Bilder im Format 18×24 cm entwickelt werden. Nach zwei Stunden ist die Entwicklungskapazität eigentlich erschöpft – aber Michael K. Trout berichtet auch über einen Print, den er runde 13 Stunden entwickelt hat. Das Ergebnis ist sehenswert!

Worin liegt der Reiz dieser besonderen Art der Bildausarbeitung? Zum Einen ist es nahe verwandt mit der Lith-Entwicklung, aber einfacher in der Anwendung. Die Oxyprint-Bilder zeigen eine große Tiefe, sind vielfarbig und können, anders als das Lith-Verfahren, mit nahezu jedem Fotopapier durchgeführt werden. Sogar Multigrade-Papiere mit Einsatz der Splitgrade-Technik funktionieren. Das sind im Grunde technische Werte. Auf der haptischen, emotionalen Seite brilliert der Oxyprint durch das Hervorheben der Papierstruktur, sowie der Möglichkeit bewusst „Fehler“ einzubauen. Aber auch das sind noch recht technische Betrachtungsweisen. Kommen wir zurück zu dem, was die fotografischen Surrealisten wollten – mit dem Oxyprint erreicht man eine maximale Verfremdung, die oft mehr an ein Gemälde erinnert, als an eine Fotografie. Gleichzeitig zeigt sich ein überraschendes Farbenspiel und eine enorme Vielfalt der möglichen Ausarbeitungen. Sogar bei Serien werden die Varianten so zu Unikaten. Einmalig und außergewöhnlich.

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