Am kommenden Sonntag ist wieder Fotobörsen-Zeit in Darmstadt. Aber auch an anderen Orten gibt es Veranstaltungen dieser Art. Da wir häufig von Einsteigern gefragt werden, welche Kamera sich „lohnt“, geben wir hier ein paar Tipps für all jene, die eine „neuen Alten“ nicht nur in die Vitrine stellen möchte, sondern ernsthaft damit fotografierten wollen. Wichtigster Tipp: Das schöne Stück muss sich in die Hand kuscheln, also einfach passen.
Kleinbild ist wahrscheinlich das am häufigsten gesuchte Aufnahme-Format. Die Filme werden als „Typ 135-36“ bezeichnet (135 ist die Normung und 36 gibt die Anzahl der Bilder im Format 24×36 mm an). Es ist der Filmtyp, für den es heute die meisten Ausführungen und Sorten gibt – fast doppelt so viel wie in den 1960er und 1970er Jahren. Man kann sogar die älteste Kamera kaufen und der Kleinbildfilm passt. Bevor man sich jedoch in eine Kamera verliebt, sollte man über deren Ausstattung nachdenken. Hier gibt es Modelle mit und ohne Belichtungsmesser. Ein Belichtungsmesser benötigt Storm und einige ältere Modelle arbeiten mit Selen-Zellen, also ohne Batterie. Leider sind die meisten Selen-Zellen schon verbraucht und somit ist der Belichtungsmesser dann ohne Funktion und kann auf normalem Weg nicht mehr repariert werden. Es gibt da zwar einen Trick, aber der ist so speziell, dass wir hier darauf nicht eingehen. Andere Belichtungsmesser haben schon CdS (Cadmiumsulfid-Fotowiderstand) und brauchen Batterien. Diese sind jedoch auf gleichmäßige Stromabgabe der Knopfzellen angewiesen, die exakt 1,35 V beträgt. Damals waren es Quecksilber-Batterien, die die Stromzufuhr sicherstellten. Diese gibt es heute nicht mehr, aber die „WeinCell PX 625“ bietet da einen zuverlässigen Ersatz. Je moderner Kameras und ihr Innenleben wurden, um so moderner wurde auch die Stromversorgung. Knopfzellen, wie sie heute in vielen Geräten zu finden sind, passen auch in die Kameras. In ihrer eigenen Weise sind die voll manuellen Apparate genial, also jene, die keinen Belichtungsmesser haben. Um sie jedoch richtig einzusetzen benötigt man einen Handbelichtungsmesser und da haben wir dann wieder das Stromversorgungsproblem. Was oben gesagt wurde, passt auch für die Belis. Und die gibt es auf Fotobörsen auch haufenweise im Angebot. Eine Kaufempfehlung sind auf jeden Fall die alten Geräte von Gossen.
Eine weitere Überlegung soll in Richtung Wechseloptik lenken. Früher gab es viele schöne Fotoapparate mit fest eingebauter Optik. Im Kleinbild war es häufig die Brennweite 50 mm, aber auch 40 mm und 35 mm waren durchaus üblich. Die optische Leistung dieser Linsen setzt uns heute immer wieder in Erstaunen. So manche neu gerechnete Optik der heutigen Geräte bringt deutlich weniger als die der Alten. Und da wir gerade über den Blick der Kamera reden, sollte man sich auch ein paar Gedanken über die Bauart des Apparates machen. Nicht nur Spiegelreflex ist gut. Vielleicht sind sogar die Sucher- und Messsucher-Kameras wesentlich interessanter. Auf jeden Fall sind sie kompromisslos in ihrer Arbeitsweise. Wer das noch nie probiert hat, der sollte es unbedingt einmal versuchen. So kann man für ca. 50 € auf einer Fotobörse schon eine russische Messsucher-Kamera (Kiew, Zorki oder andere weniger bekannte Modelle) ergattern. Kleines Geld und auf jeden Fall einen Versuch wert. Vielleicht stellt sich ja heraus, dass man ein Messsucher-Fotograf ist.
Wenn es eine Spiegelreflex-Kamera sein soll, dann kann man ohne Bedenken zu einer „Pentax ME super“, einer „Minolta X 700“, „Minolta XD-7“ oder einem Modell der OM-Serie von Olympus greifen. Toll und preisgünstig sind auch die „Canon AE-1“, falls sie noch vollständig funktioniert. Böse Zungen behaupten, dass einige dieser Kameras schon mit Elektronikschaden ausgeliefert wurden. Ob das stimmt kann niemand mehr nachvollziehen, aber leider lässt sich heute eine defekte Elektronik bei dieser Kamera nicht mehr reparieren. Ganz anders sieht es bei den Nikon-Modellen aus. Diese für die Ewigkeit gebauten „Hartmetall-Werkzeuge“ funktionieren aus Prinzip. Da kann man auch mit ruhigem Gewissen eine Kamera nehmen, die äußerlich mehrere Geschichten von harten Fotografeneinsätzen erzählt. Auch wenn der Lack nicht mehr alle Metallstellen überdeckt oder Beulen das Gehäuse zieren, war das schon in früheren Zeiten kein Mangel, sondern ein Zeichen der Zuverlässigkeit. Man muss das mögen, aber man wird nicht enttäuscht.
Schönheit im klassischen Sinn findet man bei vielen Kameras der 1950er und 1960er Jahre. Einige waren sensibel, andere für den rauen Einsatz gebaut. Ein Merkmal ist jedoch immer die mit Liebe gefertigte Lederumhüllung. Besonders in den 1950er Jahren hatten Kameras zumeist keine Befestigungsmöglichkeiten für einen Trageriemen direkt am Kameragehäuse – als elegant galt eine Bereitschaftstasche. Ordentlich aus Leder und Samt gearbeitet erfreut ein solcher Anblick jeden Menschen, der für Schönes etwas übrig hat. Nach all den Jahren hat jedoch das Leder zumeist gelitten. Keine Sorge, das bekommt man wieder in den Griff. In unserem Shop gibt es da so einige Sachen, mit denen man auch stark Beanspruchtes wieder fit bekommt.
Heute fast vergessen ist die Tatsache, dass zwei unterschiedliche Konzepte von Objektivanschlüssen die Quasi-Standards in der Kleinbild-Fotografie bildeten. Wir reden hier vom berühmten M42-Gewinde und dem „Pentax PK Bajonett“. Pentax hatte sein eigenes Bajonett-System sofort nach der Markteinführung für Objektiv- und Kamera-Hersteller freigegeben. Ein genialer Schachzug! Somit finden wir heute unglaublich viele Kamera-Bodies unterschiedlicher Hersteller mit PK-Anschluss und noch weit mehr Objektive in dieser Ausführung. Man kann diese Linsen übrigens auch heute noch an alle Pentax-DSLRs ansetzen. Wer es sich ganz hart geben will, der nimmt das gesuchte „50mm 1:1,2“ und wird sich wundern, wie gigantisch gut diese Optik arbeitet. Der andere Quasi-Standard ist das M42 – ein Kameragewinde, das heute eigentlich nur noch als Praktica-Anschluss bekannt ist. Aber weit gefehlt! Viele, sogar sehr viele Kamera-Hersteller setzten auf M42 und erschlossen so den Fotografen den Zugriff auf weit über 1.000 Objektive. Ja, richtig gelesen! Mit M42-Gewinde gibt es deutlich mehr als eintausend Objektive und dabei findet man geniale Konstruktionen, wie zum Beispiel die (teuren und gesuchten) Optiken von Kilfit. Wer also von Objektiven nie genug bekommen kann, der muss sich dringend eine M42-Kamera zulegen.
Oder soll es ein Workhorse mit Potential zur Geldanlage sein? Da kann man mit einer Leica nichts falsch machen. Die Messsucher-Kameras werden preislich hoch gehandelt. Da muss man wissen, was der eigene Geldbeutel zulässt. Zu Unrecht werden heute die SLR-Leicas häufig übersehen, obwohl sie mit ihrem Optik-Fuhrpark zur absoluten Spitzenklasse zählen. Den SLR-Optiken von Leica wird nicht aus Zufall das vielleicht beste und ausgewogenste Abbildungsverhalten nachgesagt. Wenn es um Linsen geht, hatte man bei Leitz noch nie Verständnis für Kompromisse. Eigentlich muss man sich dann nur noch den richtigen Kamera-Body aussuchen. Puristen werden sich mit den Gehäusen „Leicaflex SL“ und „Leicaflex SL 2“ schnell anfreunden. Wer mehr Elektronik liebt, findet zwar mit der „Leica R3mot“ schon ein schönes Spielzeug, wird aber mit den Geräten ab „Leica R4mot“ (und höher – Leica hat die Entwicklungsstufen einfach durchnummeriert) wesentlich glücklicher. Wem der Sinn nach einer größtmöglichen Elektronik-Ausstattung steht, wird an der T-Serie von Canon seine Freude haben.
Ein Besuch auf einer Fotobörse lohnt immer. Für jeden Geldbeutel ist etwas zu finden und es macht Spaß, die letzten 100 Jahre Fotogeschichte an sich vorbei ziehen zu lassen. Wer sich zum Kauf entschließt, sollte am Stand immer handeln. Aber eines ist auch gewiss, ein guter Händler weiß was er hat und kennt den korrekten Preis. Für gute Ware sollte man auch immer den guten Preis zahlen. Und wenn man dann zufrieden nach Hause geht, fällt der Blick vielleicht noch auf eine kleine „Olympus XA“. Da sollte man nicht zögern – die Kamera passt noch in jeden Geldbeutel und auch in jede Hosentasche. Wir wünschen viel Spaß! Und vielleicht sehen wir uns am Sonntag in Darmstadt.



Ihr schreibt von einem Trick, um alte Selen-Zellen wieder fit zu bekommen bzw. den Beli benutzen zu können. Wie geht der?
wir sind nicht die begabten Kamera-Schrauber, aber einige Kunden haben uns darauf aufmerksam gemacht, daß man eine Solarzelle eines Taschenrechners nehmen kann, um die Stromversorgung wieder in Gang zu bringen. Wie das genau geht, das kann vielleicht einer unserer Leser hier einmal schreiben.