Gestern sind wir der Frage der Lieblingsfilme nachgegangen. Heute kümmern wir uns um Entwickler und die Frage, warum so viele Fotografen einen Lieblingsentwickler haben. Und ist es denn wirklich „notwendig“, seine Negative selbst zu entwickeln? Im Grunde kommt es doch „nur“ darauf an, was am Ende dabei heraus kommt – das Bild, das Positiv. Dazu kann man doch den entwickelten Negativstreifen scannen und schon hat man die beste Vorlage, um mit ein wenig Einsatz der Bildbearbeitung ein tolles Bild zu präsentieren. Was soll das also, das Ding mit der eigenen Filmentwicklung? Bevor wir auf Sinn und Unsinn der eigenen Negativentwicklung eingehen, machen wir uns zunächst einmal Gedanken über das breite Angebot der Entwickler-Chemie im Schwarzweiß-Sektor. Wer seine Schwarzweiß-Filme selbst entwickelt, könnte im Grunde einen ganzen Fuhrpark unterschiedlicher Entwickler bevorraten. Alleine die Beschreibungen der vielen am Markt angebotenen Entwickler lesen sich fast so, als könnte man mit der Wahl des einen Entwicklers ein komplett anderes Bild erzeugen, als es mit einem anderen Entwickler möglich ist. Sind das nur werbewirksame Fiktionen oder entspricht das der Realität? Oder gibt es tatsächlich Unterschiede, die man sofort sehen kann? Und was ist dann mit der Bildbearbeitung?
Eine Fotografenweisheit besagt, was im Negativ nicht vorhanden ist, kann ein fertiges Bild auch nicht zeigen. Wer sich diesen Spruch auf der Zunge zergehen lässt, erkennt schnell, um was es sich bei einem guten Negativ handelt. Diese Weisheit betrifft übrigens nicht nur die analoge Welt – auch jeder Digitalfotograf weiß, wie gnadenlos die Qualität einer Aufnahme von feinsten Details abhängt. Alles Fehlende ist sozusagen ein Fehler im Bild. Altgediente Analog-Fotografen wissen, dass sich so Vieles durch einen gezielten Griff ins gut sortierte Laborregal erschließen, unter Umständen sogar erheblich verbessern lässt. Hierzu müssen wir jedoch einige grundsätzliche Arbeitsweisen etwas gründlicher durchleuchten. Erstes Gebot aus dem Fundus der Analog-Weisheiten: Eine leichte Überbelichtung ist besser als eine Unterbelichtung. Was soll das denn? Das ist doch eine Sache der Belichtungsmessung und nicht der Entwicklung! Aber nein, bereits hier setzt das Thema der Fotochemie an. Es gibt eine ganze Reihe von Schwarzweiß-Entwicklern, die als sogenannte Ausgleichsentwickler arbeiten. Diese bieten eine „eingebaute“ Belichtungstoleranz, die bis zu 1,5 Blenden ausgleichen können. Für den einen kann diese „Funktion“ ein Schutz vor Falschbelichtung sein, für den Anderen ist es der Schlüssel zu einem gut durchzeichneten Negativ, das auch in den Schatten und Spitzenlichtern noch Strukturen zeigt. Man kann zwar nicht davon ausgehen, dass durch die Wahl eines Entwicklers das Falsche zum Guten wird, aber die Fähigkeit eines solchen Entwicklers ist schon eine tolle Sache.
Von einem Entwickler erwarten wir noch mehr – er soll auch die Schärfe einer Aufnahme optimal unterstützen. Im gestrigen Blog-Artikel sprachen wir über die Fähigkeiten von Filmmaterialien und dabei kam auch die Schärfe zur Sprache. Eigentlich bilden alle modernen Schwarzweiß-Filme scharf ab, aber auch hier gibt es Steigerungsformen. Scharf, schärfer, am schärfsten. Und genau hier sind Entwickler unsere chemischen Helfer. Insbesondere die jüngsten Produkte in der Entwickler-Welt sind auf exakt auf dem Punkt sitzende Schärfe ausgelegt. In Kombination mit dem Filmmaterial wird daraus eine bis in die kleinste und feinste Detaillierung passende und scharfe Abbildung. Detailkontrast ist einer der wichtigsten Schlüsselbegriffe. Hier hat der Fotograf alle Möglichkeiten, die hohe Qualität seiner Optik in fantastische Bilder umzusetzen und über die gesamte Palette der Blendeneinstellungen mit der Tiefenschärfe (Schärfentiefe, nach anderer Lesart) zu spielen. Auf jeden Fall kann er sicher sein, dass ein auf Schärfe ausgelegter Entwickler ohne Kompromisse das Scharfe voll zur Geltung bringt. Nun sind wir an einem entscheidenden Punkt angekommen: Kombination von richtiger Belichtung und maximaler Schärfe auf den Punkt.
Waren dies alles technische Werte, die ein gutes Bild entstehen lassen, kommt nun der emotionale Aspekt hinzu. Als wir uns über Filmmaterialien unterhalten haben, gab es dort die Unterscheidung bezüglich der Psychologie des Schwarzweiß-Films, der entweder zur Farbumwandlung in hellere oder dunklere Grauwerte neigt. Aber Grauwerte sind genau das, was wir im Schwarzweißbild suchen. Und genau hier bringen Entwickler das zur Perfektion, was Filmmaterialien von Hause aus mitbringen. Es gibt Entwickler mit großem Potential an Grauwertaufschlüsselung und auch welche, die weit weniger Grauwerte heraus entwickeln. Nun ist es eine Sache des persönlichen Geschmacks, ob man viel oder wenig Grau haben möchte. Aber über eine Sache lässt sich nicht streiten: Kontrast. Entweder man mag harte oder weiche Kontraste. Dies hängt natürlich auch mit dem Tonwertumfang in Grau zusammen. Mehr Grau bedeutet in der Regel auch weniger Kontrast. Aber da die Regeln durch Entwickler gemacht werden, gibt es tatsächlich Produkte, die bei maximaler Grauwert-Entwicklung immer noch optimale Kontraste liefern und praktisch nebenbei auch noch auf dem Punkt sitzende Schärfe bieten. Selbstverständlich gibt es auch Entwickler, die das exakte Gegenteil bewirken, aber die sind heute unmodern und eigentlich nur noch für schnell abgegriffene Effekte sinnvoll einsetzbar. Grauwerte und die Art der Kontrastdarstellung sind sehr emotionale Dinge, die Bildbetrachter quasi unterbewusst zur Bewunderung oder Ablehnung eines Bildes führen. Natürlich, wir besprechen hier die Negativentwicklung, aber wie gesagt, was das Negativ nicht bringt, kann man auch in der Bildbearbeitung nicht hinein zaubern.
Was wäre die analoge Fotografie ohne die immerwährende Diskussion über das Korn. Filmmaterialien zeigen entweder (fast) kein Korn oder nicht. Die Wahl des Filmmaterials legt den Grundstein zur Feinkörnigkeit oder bewussten Korndarstellung. Ganz nebenbei erwähnt, nach Jahrzehnten der Feinkornforderung gehen moderne Fotografen immer mehr dazu über, wieder Korn zu zeigen und als Element der Bildgestaltung einzubeziehen. Auch im Angebot der Entwickler gibt es deshalb Produkte, die auf extreme Feinkörnigkeit ausgelegt sind, andere wiederum machen da wenig Aufhebens und entwickeln alles so aus, wie sie es bei dem Filmmaterial vorfinden und ganz große Spezialitäten sorgen für die Herausentwicklung von starkem Korn. Das hört sich fast so an, als würde ein Selbstentwickler in einer Art Schlaraffenland sitzen. Lediglich der richtige Entwickler muss zur Hand sein und alles wird gut. Aber wer hat denn schon alle möglichen Entwickler zuhause im Regal stehen? Und es wird wohl nur wenige Fotografen geben, die sich auf alles Mögliche und jede Darstellungsart vorbereiten. Wenn man also nicht alles Machbare will, gibt es also doch nur einen Entwickler? Naja, es gibt noch eine Sache zu bedenken: Welche ISO?
Alle Filme haben eine sogenannte Nennempfindlichkeit. Dies ist der Wert, bei dem das gewählte Filmmaterial die ausgewogenste Tonwertwiedergabe bringt und weder hart noch weich abbildet. Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer. Jeder Fotograf zeigt in seinen Bildern Persönlichkeit. Deshalb will er seine Bilder auch etwas härter oder weicher haben, als es der rein technisch ermittelte Wert der Nennempfindlichkeit bringt. Dies ist übrigens einer der Hauptbeweggründe, einen Film zu Pushen (Belichtung oberhalb der Nennempfindlichkeit) oder zu Pullen (Belichtung unterhalb der Nennempfindlichkeit). Einfach gesagt, kann man das mit jedem Entwickler machen, indem man den Film länger oder kürzer in der Fotochemie „badet“. Jedoch weiß jeder alte Hase, dass nicht alle Entwickler da wirklich gute Ergebnisse bringen. Nun gibt es viele Entwickler, mit denen man gut pushen kann, etwas kleiner ist das Angebot der ausgemachten Pull-Entwickler und ganz dünn ist das Angebot der Entwickler, mit denen man hervorragend pushen und pullen kann. Als Daumenwert kann man sagen, Push bringt härtere Bilder mit etwas eingeschränktem Grauwertumfang und starkem Kontrast, ein Pull bringt sehr viele Grauwerte und deutlich weichere Bilder mit wenig Kontrast. All das sind enorm viele Faktoren, mit denen man tatsächlich seine persönliche Handschrift ins Bild setzen kann und natürlich, wenn man seine Handschrift in der Negativentwicklung gefunden hat, dann gibt es auch Lieblingsentwickler.
Sicher werden nun viele Leser nahezu erschlagen von den vielen Aspekten etwas ratlos vor der Frage stehen, was sie nun für welchen Zweck nehmen sollen. Wer mit der schwarzweißen Negativentwicklung beginnen möchte, kann unbedenklich unser Einsteiger-Set nehmen. Darin findet man alles, was man für den Einstieg braucht – sogar sehr gute Schwarzweiß-Filme und hervorragende Fotochemie. Für all jene, die sich etwas intensiver mit der Herausarbeitung der eigenen Handschrift im Bild befassen wollen, geben wir hier 5 Tipps:
Feinkörnigkeit und maximale Schärfe, hervorragend für Aufnahmen nach dem Zonensystem geeignet, deutliche Pull-Eigenschaften, herausragende Grauwertentwicklung bei moderatem Kontrast:
SPUR HRX-3 new
Ausgleichsentwickler mit guter Schärfe, auch für Aufnahmen nach dem Zonensystem geeignet, gute Pull-Eigenschaften und leichte Push-Eigenschaften, normale Kornentwicklung, gute Grauwertentwicklung bei moderatem Kontrast:
KODAK HC-110
Ausgleichsentwickler mit maximaler Schärfe, enormes Push- und Pull-Potential, normale Kornentwicklung bei Nominal- und Push-Entwicklung und herausragender Feinkörnigkeit bei Pull-Entwicklung, herausragende Grauwertentwicklung bei deutlichem bis hartem Kontrast:
Spürsinn HCD new (2Phasen-Entwicklung mit HCD-S und HCD-2)
Push-Entwickler mit hervorragender Schärfe, normale bis deutliche Kornentwicklung, hervorragende Grauwertentwicklung bei moderatem bis deutlichem Kontrast:
SPUR SLD
Grobkornentwickler mit Ausgleichspotential, hervorragende Schärfe, gutes Push- und leichtes Pull-Potential, sehr gute Grauwertentwicklung bei deutlichem Kontrast:
Spürsinn DOM



Ich kann verstehen, dass man durch Pushen/Pullen den Kontrast beeinflussen will, aber sollte ein Negativ nicht eine möglichst ausgewogene Helligkeit haben, während das finale Bild inklusive gewünschtem Kontrast beim Vergrößern bzw. am Rechner entsteht? Wie du ja selber schreibst, alles Fehlende fehlt. Oder gibt es da doch größere Unterschiede?
Jeriko, die Beantwortung Deiner Fragen ist recht komplex und passt auch zu einigen Mails die wir bekommen haben. Deshalb eine ausführliche Antwort in Form des heutigen Blog-Artikels: http://www.spuer-sinn.net/blog1/?p=4880