Warum haben Schwarzweiß-Fotografen Lieblingsfilme?

10. April 2012 | Von | Kategorie: Allgemein

Eigentlich müsste ein Schwarzweiß-Film ein Schwarzweiß-Film sein. Warum schwören dann so viele analoge Schwarzweiß-Fotografen auf den einen oder anderen Film? Hängt das mit unterschiedlichen ISO-Werten zusammen? Oder gibt es andere Gründe? Dies sind Fragen, denen wir heute einmal etwas intensiver nachgehen werden.

Schwarzweiß-Filme in der Art, wie wir sie heute kennen, gibt es schon seit rund 80 Jahren. Ganz früher hatten Schwarzweiß-Materialien das „Problem“, dass sie für die Farbe Rot unempfindlich waren und diese nahezu Schwarz dargestellt haben. Dieser „Fehler“ ließ Filmhersteller nicht ruhen und so entwickelte die Industrie im Laufe der Zeit immer mehr rotsichtige Filme, die mehr oder weniger intensiv das Rot in angenehme Grauwerte umwandelte. Jeder Hersteller hatte sein eigenes Rezept, jeder Film hatte seine eigene Ausdrucksweise. Heute sind wir in der glücklichen Situation, dass Schwarzweiß-Filme jede Farbe in einen für das Auge des Betrachters angenehmen Grauwert umwandeln können. Nun könnte man erwarten, dass es jeder Schwarzweiß-Film in der gleichen Art arbeitet. Aber nein, genau hier finden wir exakt die erheblichen Unterschiede, die in der analogen Schwarzweiß-Fotografie so viel Spaß machen. Schaut man in die analoge Foto-Literatur oder liest man in Internet-Foren, so möchte man fast daran glauben, dass die Hauptsache bei Filmmaterialien die Feinkörnigkeit als einziges Unterscheidungsmerkmal darstellt. Natürlich, über diesen Aspekt kann man lange und ausführlich diskutieren. Aber es wäre sehr arm, wenn lediglich das Korn die Fotografie bewegt. Ganz andere Aspekte treten bei näherer Betrachtung hervor und genau auf diese kommt es an.

Jedes Filmmaterial hat eine ganz eigene Art des Bildausdrucks, der Kontrastdarstellung und letztendlich auch der Schärfe und Detailwiedergabe. Verstärkt oder abgemildert wird das Ganze dann durch die Art der Entwicklung und dem dabei verwendeten Entwickler. Auf die chemischen Aspekte gehen wir heute nicht ein, obwohl dies ein sehr spannendes Thema ist. Vielmehr schauen wir jetzt einmal auf das, was unterschiedliche Filme uns von Haus aus bieten. Gerade Neueinsteiger in die analoge Fotografie fällt es schwer, die feinen Unterschiede zu erkennen. Digitalfotografen sind gewohnt, dass das Aufnahmemedium Chip immer in der gleichen Art abbildet und eine Farbentsättigung in der elektronischen Bildbearbeitung auch immer das gleiche Ergebnis bringt – je nachdem welche Entsättigungsmethode angewendet wird. Die Varianzen sind recht überschaubar, gemessen an der großen Auswahl an Filmmaterialien. Und gleich hier wird uns auch bewusst, wie schlecht die Hersteller von Filmen ihre Materialien beschreiben. Außer einem technisch aufgebauten Datenblatt finden wir sehr oft nur rudimentäre Beschreibungen, die auf Bildausdruck, Kontrastdarstellung, Schärfe und Detailwiedergabe eingehen. Dies mag an der technischen Verliebtheit der Fotobranche liegen oder ganz einfach nur eine Kapitulation vor der Vielfalt der fotografischen Methoden und Verarbeitungsmöglichkeiten darstellen. Unglaubliche viele Faktoren nehmen Einfluss auf das, was ein Fotograf nachher als fertiges Bild in Händen hält. Einen sehr guten Überblick über die „Psychologie“ des Schwarzweiß-Films findet man im E-Book „Psychologie des Schwarzweiß-Films“ – Nomen est Omen. Aber auch ohne das Studium eines Fachbuchs lassen sich recht unkompliziert interessante Schlüsse ziehen.

Die meisten Einsteiger in die analoge Schwarzweiß-Fotografie bestellen zunächst einmal eine Auswahl Filme – jeweils 1 Stück und dabei quer durch das Sortiment. Dies ist ein sehr guter Anfang. Nachdem alle Filme belichtet sind, kann man leicht den einen mit dem anderen Film vergleichen. Nun wird man schnell feststellen können, dass es zum Teil erhebliche Unterschiede gibt. Jeder Film hat sozusagen eine andere Handschrift. Aber nicht nur auf den Film kommt es an, sondern auch auf den Fotografen und seine Methode der Belichtung. Je nachdem ob man mehr oder weniger ins Licht fotografiert, oder die dunklen Lichtsituationen bevorzugt, zeigen die unterschiedlichen Schwarzweiß-Filme unterschiedliches Kontrastverhalten. Der eine Film zeigt ein „weiches“, der andere ein „hartes“ Bild. Tatsächlich reagieren alle Filme anders und der Fotograf, der sich dies zu Nutze macht, wird immer die besseren Bilder haben – Hauptsache die Art der Kontrastdarstellung passt zu seinen Bildern. Selbstverständlich gibt es auch in der Bildausarbeitung noch jede Menge Tricks – sowohl hybrid als auch auf dem rein analogen Weg – die Kontraste nachzuziehen, aber was man schon einmal im Negativ hat, braucht man hinterher nicht noch „hinein zu basteln“. Und da in der analogen Fotografie sehr oft über den Detailkontrast gesprochen wird, schauen wir uns auch diese Sache genauer an.

Je feiner die Details in einem Bild sind, um so klarer sollte hier die Durchzeichnung der feinen Tonwertunterschiede sichtbar sein. Hier vermischt sich jetzt die Schärfe mit dem Kontrast. Ein sehr scharf abbildender Film sollte auch eine klare Kontrastdarstellung in den feinsten Bildbestandteilen wiedergeben. Hier handelt es sich oft um erstaunlich kleine Tonwertunterschiede, die trotzdem noch sichtbar sein sollen. Das Analoge hat hier ein enormes Potential, aber nicht jeder Fotograf kann dies in jedem Sujet ausnutzen. Manchmal ist es sogar störend, wenn allerfeinste Nuancen sichtbar sind, aber das Grobe eigentlich das Motiv bestimmt. Zudem hängt das auch maßgeblich mit der verwendeten Fotoausrüstung zusammen – nicht jede Kamera-Objektiv-Konstellation schafft maximale Auflösung und Schärfe und außerdem will nicht jeder Fotograf das hammerscharfe Bild. Andererseits verlieben sich auch viele Fotografen in das fein ziselierte Bild, in dem selbst kleinste Details in großer Fülle wiedergegeben werden. Die Gesamtkonstellation muss einfach passen – Kamera plus Optik plus Film. Nur so entsteht ein gutes und besonderes Bild. Die Wahl des Films ist also keine Nebensache.

Sicher jeder Fotograf hat schon einmal vor einem Schwarzweißbild gestanden, das ihn besonders beeindruckt hat. Wer genauer darüber nachdenkt, warum das eine oder andere Bild eine so große Anziehungskraft ausübt, wird zu dem Schluss kommen, dass entweder strahlende Helligkeit oder Inhaltsschwere im Dunklen ein Grund dafür ist. Und tatsächlich setzen unterschiedliche Schwarzweiß-Filme Farben in hellere oder dunklere Grautöne um. Dies geschieht immer harmonisch und gut, aber nicht jede Art der Grautondarstellung passt zu den Bildern eines jeden Fotografen. Auch das ist eine Handschrift – die Handschrift des Fotografen. Wer analog fotografiert kann sich auf seinen nach eigenen Tests ausgewählten Film verlassen. Spielt dabei nicht auch die ISO eine Rolle? Natürlich! Aber man kann davon ausgehen, dass ein Fotograf mit dem Hang zur Fotografie in sonnendurchfluteter Landschaft nicht sofort zu einem ISO3200-Film greift. Zwar gibt es das auch, aber dazu kommen wir in einem anderen Blog-Artikel. Heute reden wir vom Normalen. Dies bedeutet auch, dass man die Filme bei Nennempfindlichkeit belichtet und zum Entwickeln in einem Drogeriemarkt, Groß- oder Versandlabor abgibt.

Was ist denn jetzt mit dem Korn? Natürlich spielt auch das Korn eine erhebliche Rolle. Ein Fotograf liebt das klar sichtbare Korn, der andere mag es überhaupt nicht. Da wir uns heute über das Normale unterhalten, gehen wir jetzt nicht auf die Korngestaltung durch Entwickler ein. Schon in der Großlabor-Entwicklung zeigen sich deutliche Unterschiede bei verschiedenen Schwarzweiß-Filmen. Tatsächlich haben sogar Filme der gleichen ISO-Klasse unterschiedlich stark sichtbares Korn. Vollkommene Kornlosigkeit gibt es (fast) nicht, da das Silberkorn genau das Medium ist, das uns die analoge Fotografie auf Film ermöglicht. Aber sehr feines Korn, nahezu unsichtbar, gibt es  genau so, wie auch das deutlich sichtbare. All das ist Geschmacksache – und eine Frage der Filmauswahl.

Wie stellt man sich nun seinen eigenen Filmtest zusammen? Zunächst sollte man sich im Klaren darüber sein, was man fotografieren möchte. Landschaft, Architektur und Street-Fotografie bei klarem, sonnigen Wetter ist eine Sache der ISO100-Filme. Hier empfehlen sich zum Testen die Filme „Kodak T-Max 100“, „Ilford Delta 100“, „Ilford FP4“ und „Agfa APX 100 new“. Alle aufgeführten Filme haben einen eigenen Charakter und sind, außer dem Agfa, in vielen Formaten verfügbar. Wer sich schwarzweiß für jede Lichtsituation wappnen möchte und auch einmal in schlechteren Lichtsituationen Menschen und Szenen fotografieren will, der ist mit ISO400-Filmen gut bedient. Die Testzusammenstellung sieht dann so aus: „Kodak T-Max 400“, „Kodak Tri-X“, „Ilford HP5“ und „Ilford Delta 400“ – vier sehr unterschiedliche Filme, die alle eigenständig im Bildausdruck und Kontrastdarstellung sind. Fotografen die auch in den allerschlechtesten Lichtverhältnissen unterwegs sind, testen „Kodak T-Max 3200“ und „Ilford Delta 3200“. Diese beiden Filme unterscheiden sich erheblich voneinander – da gibt es nur „lieben oder hassen“. Probieren geht auf jeden Fall über Studieren (von Datenblättern).

Die Frage ob Schwarzweiß-Fotografen Lieblingsfilme haben konnten wir wohl eindeutig klären. Im nächsten Teil dieser kleinen Artikel-Serie fragen wir nach, ob es Lieblingsentwickler gibt und ob sich durch diese die Eigenschaften von Filmmaterialien verändern lassen. Zudem stellt sich auch immer die Frage, ob man einen ISO100-Film auch mit ISO 1600 belichten kann oder gar einen ISO400-Film auf ISO 50. Antworten hierauf finden sich im nächsten Blog-Artikel.

Schlagworte: , , , , , , , ,

2 Kommentare zu “Warum haben Schwarzweiß-Fotografen Lieblingsfilme?”

  1. D. Vollkasko sagt:

    Hallo Spürsinn,

    bietet ihr Kodak T-Max 100 120 auch als einzelne Rolle an?

    Vielleicht wäre es ja auch eine hübsche Aktion, richtige sw-”Normal”-Testpakete für KB und MF zu schnüren in ISO 100, 400 und 3200.

    Klingende Grüße,

    DJV.

  2. spuersinn sagt:

    Hallo Vollkasko,

    in der Vergangenheit haben wir schon häufig Testpakete zusammen gestellt. Leider wurden sie nie so in Anspruch genommen, daß es sich lohnte. Am Ende hatten wir immer lose Filme an Lager liegen, die sich nicht verkaufen ließen. Zudem betrifft das Thema 5er-Pack nur die SW-Rollfilme von Kodak. Alle anderen Filme kann man auch einzeln kaufen. Und auch einen 3200er Rollfilm von Kodak gibt es leider nicht.

    Viele Grüße, das Spürsinn-Team

Hinterlassen Sie einen Kommentar