Im gestrigen Blog-Artikel haben wir die „Rollei 35“ vorgestellt, eine schöne, kleine Sucherkamera. Häufig werden die Eigenschaften von Sucherkameras und Messsucherkameras durcheinander geworfen. Heute wollen wir mit diesen Missverständnissen aufräumen und einmal ganz genau hinsehen, was eine gute Sucherkamera leisten kann. Bei einer Sucherkamera muss man die Entfernungseinstellung schätzen. Anders als bei einer Messsucherkamera steht bei der Sucherkamera keine optische Hilfseinrichtung zur Verfügung, mit der man scharfstellen kann. Dies klingt nach Einfachtechnik und ist es im Grunde auch. Anachronismus in Zeiten der Spiegelreflex-Technologie oder doch eine interessante Variante des Kamerabaus?
Bis weit in die 1950er Jahre hinein beherrschten Sucherkameras die Fotowelt. Hier wird nicht durch das Aufnahmeobjektiv geschaut, sondern daran vorbei, und in den meisten Systemen gab es keine Hilfe für die Entfernungseinstellung. Zwar gab es bereits Anfang der 1930er Jahre Messsucherkameras, die über einen Schnittbild- oder einen Mischbild-Entfernungsmesser im Sucher zwei Bilder übereinander spiegelten, die man durch drehen an der Entfernungseinstellung übereinander bringen muss, um die exakte Entfernungseinstellung zu erhalten. Auch Spiegelreflex-Systeme gab es schon zu dieser Zeit, aber die interessieren uns heute nicht. Hier geht es um die zwei unterschiedlichen Arten der Sucherkameras. Nun war und ist das Integrieren einer Messsucher-Einrichtung in eine Kamera ein feinmechanisches Wunderwerk. Viele Messsucherkameras waren sehr empfindlich und ein weiterer Nachteil fand sich im benötigten Platz unter dem Kameragehäuse. Messsucherkameras waren immer ein erhebliches Stück größer und letztendlich auch schwerer. Aber dies alleine gab noch nicht den Ausschlag – der hohe technische Aufwand für die Messsucher-Einrichtung machte natürliche auch die Herstellung erheblich teurer. So kam es, dass sich Hersteller und Kunden einig waren, dass für die meisten fotografischen Anwendungen eine Sucherkamera ausreichend war. Aber es gab noch einen anderen Grund, warum die Sucherkamera früher sehr beliebt war und heute wieder sehr beliebt wird: Point and Shoot!
Die Anwendung der Messsucher-Systeme war bis in die 1950er Jahre hinein nicht unbedingt als schnell zu bezeichnen. Nur diejenigen Fotografen, die viel Übung im Umgang mit ihrer Kamera hatten, konnten schnell zum Schuss kommen. Deshalb nahm in vielen Lehrbüchern der Fotografie die Erklärung der sogenannten Schnappschuss-Einstellung einen breiten Raum ein – heute nennen wir das Point ‘n’ Shoot. Von der heute so begehrten Knackschärfe wollten früher eigentlich nur Profi-Fotografen etwas wissen. Und um ganz ehrlich zu sein, in den meisten Bildern ist die Knackschärfe auch nicht unbedingt das, was ein Bild gut macht. Der situative Schuss war schon immer wesentlich begehrter, als das durchkomponierte Bild auf dem Punkt. Und für die notwendige Schärfe kann auch die richtige Blendeneinstellung sorgen. Schon bei Blende 8 ergibt sich ein recht großer Schärfespielraum, bei dem es nicht mehr auf 50 Zentimeter mehr oder weniger in der Fokussierung ankommt – vorausgesetzt, man hält einen Abstand von rund 3 Meter zum Aufnahmeobjekt ein. Auch bei einem oder zwei Meter Objektabstand kann man mit etwas Übung den halbwegs richtigen Abstand schätzen und mit der Blende den Schärfepunkt ausgleichen. Und wer unsicher ist, wählt nicht Blende 8, sondern geht gleich auf Blende 11 oder gar Blende 16. Die wichtigste Erkenntnis ist also: eine einfache Sucherkamera ist eine ideale Schnappschuss-Kamera, Neudeutsch würden wir sagen, es ist eine echte Point ‘n’ Shoot.
Nun stellt sich die Frage, was man von einer Point ‘n’ Shoot Kamera erwarten kann. Da wir erst gestern über die „Rollei 35“ berichtet haben, also eine echte Sucherkamera mit exzellentem Objektiv (hier mit dem Tessar), ist es passend die mit ihr gemachten Bilder einmal genauer zu untersuchen. Zunächst ein Beispielbild, bei dem ganz untypisch für eine Sucherkamera, die Blende 5.6 verwendet wurde. Hier kann man sehr gut sehen, wie sich der Schärfeverlauf in der Entfernung entwickelt. Übrigens wurden alle Bilder auf „Agfa APX 100 new“ bei ISO 50 aufgenommen und in „SPUR Acurol“ entwickelt.
Die nächste Aufnahmesituation zeigt ein Bild in einer etwas dunkleren Lichtsituation, jetzt mit Blende 8. Das gesamte Bild erscheint sehr schön scharf und detailliert. Um zu sehen wie scharf das Ganze auch noch im Detail ist, wurde noch ein Ausschnitt heraus geholt. Hier sieht man schon, dass kleine Unschärfen vorhanden sind, die aber im Gesamtbild absolut nicht stören.
Richtig spannend wird es mit Blende 11. Hier eine Aufnahme eines schönen Oldtimers vor dem Braunschweiger Rathaus. Solche Szenen lassen das Herz des Fotografen in die Höhe hüpfen und dummerweise muss man hier schnell sein, um das eindrucksvolle Bild zu machen. Bei dem Oldie sind so schöne Spiegelungen von Passanten auf dem polierten Lack zu sehen. Das sollte es sein! Hier zeigt eine Point ‘n’ Shoot Kamera ihre Stärken. Der Ausschnitt aus dem Bild zeigt, wie grandios die Schärfe sitzt und wer es ganz genau wissen will, sieht sich einmal die Spiegelung der Wolken auf dem Kotflügel an.
Es kommt nicht unbedingt auf die großen, spektakulären Bilder an, die sich in der Street-Fotografie mit einer Point ‘n’ Shoot à la „Rollei 35“ machen lassen. Auch die leisen, stillen Szenen am Wegesrand lassen sich einfach und schnell einfangen.
Die hier gezeigten Beispiele zeigen deutlich, dass man mit einer Sucherkamera sehr wohl recht zuverlässig auf den Schärfepunkt kommt, auch wenn man keine Einrichtung zu Entfernungsmessung nutzen kann. Diese Art der Fotografie macht Spaß! Und das obwohl man hier nicht mit der Unendlichkeitseinstellung arbeiten konnte. Landschaftsaufnahmen lassen sich noch viel Besser mit der kleinen „Rollei 35“ aufnehmen, da die Brennweite des Objektivs ja zudem ein leichtes Weitwinkel ist. Und wie so häufig in der Fotografie spielt natürlich auch noch ein gut funktionierender Entwickler eine bedeutende Rolle. Mit dem „SPUR Acurol“ ist man in der Schwarzweiß-Fotografie mit einer Sucherkamera bestens ausgerüstet. Auffällig ist, dass der Entwickler sehr scharf ausentwickelt. Gerade bei einer Sucherkamera ist das ein großer Vorteil. Zwar kann kein Entwickler aus einem unscharfen Bild ein scharfes machen, aber mit einem auf Schärfe ausgelegten Entwickler bekommt man genau das Bild, was man sich wünscht. Die Sucherkamera als Point and Shoot ist ein wunderschöner Begleiter für den kleinen Fotospaziergang an einem Samstag Vormittag oder als Immerdabei-Kamera für unterwegs.
Bei uns steht übrigens eine sehr schöne “Rollei 35″ aus der frühen Singapur-Fertigung (selbstverständlich mit dem Tessar) zum Verkauf. Interessenten senden bitte eine E-Mail für weitere Informationen.








