Ich kenne das mit dem kreativen Loch. Logisch. Jeder, der einen Anspruch an seine kreative Tätigkeit hat, kennt die fehlende Inspiration, die Suche nach der küssenden Muse, der allheilbringenden Idee, dem selig machenden Geistesblitz. Und jeder hat unterschiedliche Vorgehensweisen, diesem Gefühl der Ideenlosigkeit entgegenzuwirken. Auf die Idee, mein Werkzeug einerseits einer Funktion zu berauben und ihm im gleichen Zug die Bearbeitung meiner Bilder zu überlassen, bin ich allerdings noch nie gekommen. Und mir im Nachgang zu verbieten, die Ergebnisse nicht mehr anzurühren, auch nicht. Ich binde mir ja auch nicht den rechten Arm auf den Rücken, wenn ich als Rechtshänderin eine dreistöckige Hochzeitstorte backen will. Es sei denn, ich kann das Brautpaar nicht leiden und brauche eine Entschuldigung dafür, warum die Torte so mistig und lieblos hingeklatscht aussieht.
Warum geht also einer los und klebt das Display seiner Kamera ab, verpflichtet sich gleichzeitig, in einem Modus zu fotografieren, in dem die Kamera die Bearbeitung mehr schlecht als recht gleich selbst übernimmt und verbietet sich im Nachgang noch Hand an seine Ergebnisse zu legen? Auf der Suche nach dem eigenen Können? Fehlende Inspiration? Falsch verstandene Reduktion von Möglichkeiten?
Wenn mir so gar nichts mehr einfällt, dann gönne ich mir als erstes eine Kameraabstinenz. Das bedeutet, ich fasse keine Kamera an, habe keine dabei, auch keine “Notkamera” im Kofferraum oder den Action-Sampler in der Tasche. Ich lege nicht fest, wie lange diese freiwillige Abstinenz andauern muss, ich setze mir weder Ziele (Du musst es drei Wochen ohne aushalten) oder Fristen (Du darfst erst wieder, wenn…) sondern lasse einfach dieses Extra Körperteil weg. Je nach Intensität meiner Ideenlosigkeit dauert es ein paar Stunden oder auch mal 1 bis 3 Tage, bis ich anfangen kann zu genießen, die Kamera nicht dabei zu haben. Irgendwann kommt der Moment, in dem ich Netzhautbilder mache und mich daran freue, diese Momente nicht auf Film zu bannen, nicht auf Film bannen zu können. Denn ich habe ja kein Werkzeug dabei.
Und irgendwann kommt dann auch der Moment, in dem ich freudig eine Kamera auswähle und liebevoll in meine Tasche stecke, das ist dann der Moment, in dem mich Bilder anfliegen, Ideen anspringen und Konzepte im Kopf Gestalt annehmen. Die Krise ist überwunden. Es kommt dann durchaus vor, dass die nächsten Tage gar nicht ausgelöst wird, aber ich könnte, wenn ich wollte ohne zu müssen.
Das ist der springende Punkt. Meist verlässt mich die Muse und geht los, jemand anderen zu küssen, wenn sie das Gefühl hat, bei mir küssen zu müssen. Das erkenne ich zwar oft erst im Nachgang, aber ich erkenne es.
Erkenne ich es tatsächlich rechtzeitig dann heißt es ganz schnell “Dampf ‘rausnehmen”. Müssen muss ich nämlich gar nichts. Zwang, auch eigener innerer Zwang führt bei mir immer zu mittelmäßigen bis grottig schlechten Bildern.
Die Frage an mich lautet in diesen Momenten “Will ich sensationell, hervorragende, aus der Masse heraus stechende Bilder machen oder reicht es mir für diesen Moment auch, einfach frei fotografieren zu dürfen?” Wird die Frage beantwortet mit “Ich will das Bild machen - mir fehlt aber die zündende Idee” dann kommt es zur Abstinenz. Will ich jedoch einfach frei Bilder machen, dann greife ich meist zu einem Werkzeug, das mir gar keine Möglichkeit gibt, hier noch ein bisschen zu drehen oder dort noch ein wenig zu schrauben sondern einfach nur dazu geeignet ist, frei zu fotografieren. Oft ist es eine Box, manchmal der Action Sampler oder ein anderes “Spielzeug” aus meiner Sammlung. Und siehe da - die meisten Bilder, die so entstanden sind, mag ich sehr gern. Sie sind nicht zwingend etwas Besonderes im Sinne von außergewöhnlich, innovativ, bestechend anders sondern einfach nur Bilder, die mir in dem Moment ” zugeflogen” sind, als ich auslöste und die mir jedes Mal wieder zeigen, dass ich ganz besondere Talente habe.
Der Zweifel an meinem Können, meinem Talent und meinem Wissen ist es oft, der die kreativen Löcher auf den Plan ruft. Nun ist es so, dass mein Verstand mir durchaus sagen kann, was ich kann und was nicht. Ich weiß, dass ich viel weiß. Ich weiß aber auch, was ich alles (noch) nicht weiß, wo es hängt und was ich gerne noch können/machen/wissen möchte. Der Verstand ist sich seiner Sache sehr sicher.
Ich wäre aber nicht die Fotografin, die ich bin, würde ich alles aus dem Verstand abhandeln. Viele meiner Bilder tragen Emotionen, leben von den Emotionen, die eingefangen werden oder denen, die sie auslösen. Und so ist es auch nicht der Verstand, der mein fotografisches Handeln bestimmt, sondern meine Seele, die so oft eine richtig kleine Mimose sein kann und in diesen Momenten die Zweifel zulässt und nährt. Nicht, dass ich das als falsch empfinde. Nein, ganz im Gegenteil. So sehr mich die Mimose in mir nervt, so lästig mir manchmal die Zweifel sind, so sehr wichtig ist diese Komponente auch für mein Handeln und Tun, für meine Gedanken und damit eben auch bestimmend für meine Bilder.
Mit dieser Erkenntnis kann ich leben. Ich kann damit fotografieren und ich kann es auch sein lassen. Ich kann vor mir und anderen zugeben, dass es so ist wie es ist.
Ich kann aber auch trotz dieser Erkenntnis jammern und fluchen und um den Kuss der Muse betteln. Und ich kann mich darin suhlen, wenn das kleine Miststück sich besonnen hat und zu mir zurückkommt, küssend, schmeichelnd, inspirierend.
Manchmal werde ich gefragt, wie man aus einem kreativen Loch wieder heraus kommt. Ich sage oft genau das, was ich oben beschrieben habe.
Nichtsdestotrotz muss jeder seinen eigenen Weg, seinen eigenen Umgang mit der drohenden Ideenlosigkeit, der Verzweiflung und der Unlust finden. Oft ist es auch so, dass man gestärkt und mutig aus solchen Phasen herauskommt. Ein Buddhist würde wahrscheinlich sagen, dass man die nächste Stufe erreicht hat
Für absolut falsch halte ich es aber, sich den rechten Arm (für Linkshänder: den linken Arm) auf den Rücken zu binden, seiner Kamera die Bearbeitung zu überlassen und dieses Ergebnis dann als Ergebnis seines eigenen Schaffens zu präsentieren. Das ist kein Projekt, das ist Augenwischerei.