
Schau mir in die Augen, Kleines!
Wir wissen jetzt - eine Kamera hat eine Linse und eine Abbildungsebene, die lichtempfindlich ist.
Wenn wir mit einer Box-Kamera, dem Kamera-fürs-Volk-Schlager der 30iger bis 50iger Jahre arbeiten, dann müssen wir auch gar nicht so viel mehr wissen.
So ist es aber ja nicht, also werfen wir jetzt einen ausführlicheren Blick auf das menschliche Auge.
Rigoros gesehen liegt der wichtigste Unterschied zwischen Auge und Kamera in dem Umstand, dass wir mit dem Auge „nur“ Netzhautbilder machen können. Damit meine ich die Gedanken - und Erinnerungsbilder, die wir einem anderen nicht zeigen können, die wir nur schildern können und unser Gegenüber macht sich dann aus dieser Schilderung sein eigenes Bild.
(Ich selbst habe z.B. den Hang, Sonnenuntergänge grundsätzlich nur mit der Netzhaut aufzunehmen. Kein Fotoapparat der Welt kann sie so schön wiedergeben wie ich sie mit meinen Augen sehe. Also fotografiere ich sie nicht.
Mal abgesehen davon, dass ich der Meinung bin, dass man wirklich nicht unbedingt immer alles fotografieren muss.)
Unser Auge hat also eine Linse, einen dunklen Raum und eine lichtempfindliche Auffangfläche für die Bilder. Wenn wir uns das Auge anschauen, so sehen wir nur die Linse, alle anderen „Bauteile“ sind im Kopf verborgen.
Im Gegensatz zu den oben angesprochenen Box-Kameras hat das Auge allerdings nicht nur eine einfache Linse, sondern ist mit einem technisch tadellosen und richtig guten Objektiv ausgestattet!
Dieses Objektiv besteht (vereinfacht dargestellt) aus der Linse, der Iris und der Pupille.
Das Objektiv der Kamera besteht (vereinfacht dargestellt) auch aus einer Linse, der Blende und der Blendenöffnung.
Das menschliche Auge stellt ein Bild automatisch scharf, indem es nacheinander verschiedene Ausschnitte des zu betrachtenden Objektes vor den so genannten „gelben Fleck“ (Makula) auf unserer Netzhaut schiebt.
(Der „gelbe Fleck“ ist der Teil unserer Netzhaut mit der größten Dichte an Sehzellen.) Zuständig für diesen Job sind die Augenmuskeln. Wenn wir müde sind, fällt es uns schwerer, scharf zu sehen, denn auch die Augenmuskeln sind müde.
Die Erkenntnis - unser Auge hat einen Autofokus.
(Liebe Biologen, Mediziner oder Allwissende - ich erkläre hier nicht absolut perfekt und fundiert, sondern versuche nur, verständlich zu bleiben. Nehmt es mir also bitte nicht krumm, wenn ich nicht medizinisch, biologisch allwissend ins Detail gehe, ja?)
Klar, jetzt können wir losgehen und eine Kamera mit Autofokus kaufen - warum sollen wir uns die Mühe machen und manuell scharf stellen, unser Auge macht es ja auch automatisch! Selbst ich würde mit Autofokus fotografieren, wenn es tatsächlich so einfach wäre. Aber bis heute gibt es, trotz aller Höhenflüge in der technischen Entwicklung noch keine Kamera, die mit einem Datenkabel direkt an mein Gehirn angeschlossen ist. Noch entscheidet ein Autofokus ganz allein anhand von Belichtungssituation oder Kantenschärfe oder Entfernung, wo er was scharf stellt - ich als Fotografierender habe darauf keinen großen Einfluss. Will ich nur meine Oma breit grinsend vor dem schiefen Turm von Pisa fotografieren, dann reicht mir das auch. Das schafft so ein Autofokus ganz wunderbar, Oma ist scharf, der Turm ist drauf und bleibt schief - alles bestens. Da meine Oma aber gar nicht nach Italien will und ich selbst auch ganz andere Sachen fotografiere , möchte ich bitteschön selbst entscheiden, wie mein Bild aussehen soll. Deswegen fokussiere ich manuell.
Und an dieser Stelle fängt dann die Arbeit an, ich muss meine Kamera so einstellen, dass sie das scharf ablichtet, was ich als wichtig erachte.
Das ist nicht schwer und mit etwas Übung wird man ganz schön fix.
Bei all diesen Vergleichen (die natürlich, wie alle Vergleiche, hier und da ein wenig hinken) dürfen wir niemals vergessen, dass unser Auge immer und überall mit unserem Gehirn verbunden ist. Alle „aufgenommenen“ Bilder werden in wahnsinniger Geschwindigkeit und permanent durch den den Sehnerv an unser Hirn übermittelt, sortiert, nach Prioritäten gespeichert und mit anderen Informationen aus anderen Nervensträngen verknüpft.
Das Gehirn steht uns bei jedem Sehvorgang mit einer unglaublichen Interpretationsleistung zur Seite. Mehr dazu später - wir sind ja noch beim Objektiv (das nicht etwa Objektiv heißt, weil es objektiv aufnimmt - doch auch dazu an anderer Stelle und später mehr.)
Zurück zur Kameratechnik.
Das klassische Kameraobjektiv verfügt also über ähnliche Komponenten,wie das menschliche Auge. Da ist ein Loch hinter Glas, dessen Öffnungsgröße darüber entscheidet, wieviel Licht auf das Aufnahmemedium fällt. (Blendenöffnung). Da ist eine Funktion, die darüber entscheidet, wie groß dieses Loch sein soll (Blende). Und ein Glaskörper, der mit seinen Eigenschaften den Lichtfluss in das Loch regelt (Linse).
Was unser Auge automatisch regelt, das muss mit dem Kameraobjektiv „per Hand“ geregelt werden (auch, wenn wir mit dem Autofokus fotografieren, richten wir die Kamera auf das Etwas, was wir abbilden wollen und suchen uns die für uns wichtige Stelle, die wir scharf haben wollen. Ob der Autofokus auch das als wichtig erachtet, was wir uns ausgeguckt haben, ist eine Kombination von dem Wissen über seine Funktion und einer Portion Glück).
An dieser Stelle empfehle ich einen kleinen Selbstversuch.
Betrachten wir unsere Hand - dabei benutzen wir nur ein Auge!
Wir sehen nur die Hand scharf, alles, was im Hintergrund liegt, dagegen unscharf. Lassen wir jetzt das Auge den Hintergrund betrachten, so dauert es einen winzigen Moment, bis der Hintergrund scharf eingestellt ist, die Hand im Vordergrund wird dabei unscharf. Das ist Fokussierung.
Wir können dieses Wechselspiel beliebig fortsetzen, merken dabei aber nicht, dass sich auch unsere Pupille verändert, wenn wir hin und her fokussieren.
Der Grund liegt in der unterschiedlichen Belichtung.
Belichtung ist ganz furchtbar wichtig in der Welt der Fotografie!
Aber machen wir uns doch erst einmal bewusst, was Belichtung eigentlich ist.
Im Wort steckt das Wichtigste ja schon drin - Licht.
Der Mensch ist keine Katze, deswegen kann er im Dunklen auch nicht so gut sehen, und wenn es gar so richtig stockeduster ist, kann er sogar gar nichts sehen.
Ergo: Das menschliche Auge braucht irgendwas an Licht, um sehen zu können.
Nochmal ergo (ich mag dieses Wort!): Eine Kamera, die ja in ihrer Bauweise dem menschlichen Auge nachempfunden wurde, braucht auch Licht, um ein Bild aufzunehmen.
Eigentlich ist das Kapitel 3 an dieser Stelle beendet - aber ich kann mir einen kleinen Nachsatz nun doch nicht verkneifen.
Es gibt Bilder, die uns auf den ersten Blick wunderschön erscheinen. Mit dem zweiten Blick erscheinen sie uns überirdisch schön, fast schon genial - aber irgendwie künstlich, glatt oder unnatürlich. Wir kommen nicht darauf, was unser Auge und unser Hirn irritiert. Betrachten wir jetzt ganz gezielt die Schärfe - und Lichtsituation auf den Bildern und vergleichen sie mit unserer eigenen Sehgewohnheit und den Fähigkeiten, die unser Auge aufweist (und in den Selbstversuchen bewiesen hat), so kommen wir langsam dahinter, das bei diesen Bildern „getrickst“ wurde. Das ist durchaus nicht schlimm und macht diese Bilder deswegen nicht schlechter (denn Tricksen ist eine alte Kunst - gerade auch in der Fotografie und will gekonnt sein), erklärt aber, warum uns Bilder, die unseren Sehgewohnheiten mehr entgegenkommen als „natürlicher“ und anheimelnder wahr genommen werden. Wagen Sie bitte bei jeder Bildbetrachtung einen zweiten, dritten und vierten Blick - Sie können sich jetzt vielleicht noch gar nicht vorstellen, was Sie, Ihr Auge und Ihr Gehirn dabei über Wahrnehmung, Fotografie und Kunst lernen!