Archiv für die Kategorie ‘Sie und Er und die Fotografie’

Analoge Krabbenbrötchen

Samstag, 04. April 2009

Sie saßen am Hafen auf der Mole und ließen die Beine baumeln. Er streckte die Nase in den salzigen Wind, sie kämpfte mit den Haaren, die ihr der Wind  immer wieder ins Gesicht wehte und gleichzeitig damit, einen neuen Film in ihre Kamera einzulegen ohne dass dieser dem strahlenden Sonnenschein ausgesetzt wurde.

“Du sag mal”, fragte er “wäre es hier nicht viel praktischer mit einer digitalen Kamera zu fotografieren?” Sie ließ mit einem erleichterten Seufzen die Rückwand der Kamera zuschnappen und drehte sich zu ihm. “Praktischer? Vielleicht schon.” meinte sie. “Vorausgesetzt, ich hätte ausreichend Platz auf meinem Chip und volle Ersatz-Akkus in der Tasche. Jedes Werkzeug hat seine Vor- und Nachteile.”

Er runzelte die Stirn. “Ja, aber so musst du Unmengen an Film mitschleppen. Und nicht nur von einer Sorte. Du brauchst Kleinbild- und Rollfilm. Du brauchst Bunt- und schwarz/weiß Film. Und dann noch die unterschiedlichen Eigenschaften und Empfindlichkeiten!” Sie lachte auf. “Bei dem Gewicht der unterschiedlichen Kameras und Objektive fällt das doch kaum noch ins Gewicht! Aber Du hast schon Recht - ich habe immer eine ausgesprochen große Handtasche dabei.” “Also warum reicht es dir nicht, mit einer Handvoll Akkus und einer vernünftigen, digitalen Kamera loszuziehen?”

Sie wurde plötzlich ganz ernst. “Ich will fotografieren. Die Bilder, die ich machen möchte, habe ich schon ungefähr im Kopf, wenn ich los ziehe um zu fotografieren. Zu diesen Bildern, nennen wir sie mal Entwürfe, gehören Eigenschaften, die ich mit dem Einsatz von ganz bestimmten Kameras erreichen kann. Also muss ich diese Kameras dabei haben. Das gilt auch für das Filmmaterial. Habe ich nicht dabei was ich brauche, so kann ich nicht das Bild machen, was als Entwurf in meinem Kopf schwebt. Und unglücklicherweise habe ich nur Bilder im Kopf, die analog umzusetzen sind, nicht digital. Deswegen musst du immer ein oder zwei Kameras mit tragen, wenn du dabei bist.” Sie grinste. “Ist es das, was dir Sorgen macht? Dass ich Dich zum Kameramuli degradiere?”
“Quatsch!” Er schüttelte den Kopf. “Ich verstehe es nur nicht so ganz. Andere Menschen machen digital mit nur einer Kamera gute Bilder.”

“Das streite ich ja nicht ab, aber es passt eben nicht zu meinen Bildern und zu den Bildern, die ich machen will. Schau, es gibt Maler, die benutzen Pinsel aus Rotmarderhaar. Sie malen damit Aquarelle oder in Öl und benutzen dafür das Werkzeug, was am besten mit dem harmoniert, was sie schaffen möchten. Und es gibt Maler, die wunderbare Bilder schaffen, indem sie Schulpinsel oder ihre Hände benutzen. Für sie sind eben diese Schulpinsel das beste Werkzeug. Neben ihren Händen. Würden die ersteren jetzt Schulpinsel benutzen und die zweiten die teuren Rotmarderhaarpinsel, dann wären die Bilder nicht mehr so wie die, für die sie ihr Lieblingswerkzeug einsetzen.
Daneben gibt es natürlich auch Maler, die benutzen das Teuerste vom Teuren und ihre Bilder sehen aus wie “Malen nach Zahlen”.
Das würde sich wahrscheinlich auch nicht ändern, würden sie ein anderes Werkzeug benutzen. Mit meiner Fotografie ist es ähnlich. Würde ich digital fotografieren, dann würden meine Bilder nicht mehr so aussehen, wie ich will, dass sie aussehen. Es wäre ein anderes Werkzeug.”

Sie standen auf, schlenderten an den Kuttern vorbei und steuerten die nächste Bude mit Fischbrötchen an.  Hering für ihn, Krabben für sie. “Du meinst tatsächlich, deine Handschrift als Fotografin wäre nicht mehr da, wenn du digital fotografieren würdest?” Sie schüttelte den Kopf. “Natürlich wäre meine Handschrift noch da. Es ist ja nicht das Werkzeug, was das Bild macht. Aber es wäre für mich nicht das Ergebnis, was ich mir wünsche. Es würde zuviel von dem fehlen, was ich in meinen Bildern sehe.”
“Kannst Du das genauer beschreiben?” fragte er und biss herzhaft in sein Brötchen. Sie puhlte nachdenklich die Krabben aus ihrem Brötchen und legte sie der Reihe nach auf ihre Serviette.
“Schau mal” sagte sie. “Wollte ich jetzt diese Krabben fotografieren, würde ich wohl eine zweiäugige Kamera auswählen, die Spielzeugcharakter hat. Vielleicht die Lubitel. Geladen mit einem unmaskierten Farbfilm. Mit der Kamera wähle ich ein Werkzeug, das für mich höchst charmante Unzulänglichkeiten aufweist, mit dem Film ein Material, bei dem ich weiß, wie ich die Farbgestaltung im Stil der 60er Jahre beeinflussen kann. Außerdem hat Film andere Eigenschaften als ein Chip. Beim Film habe ich das Korn und die Tiefe im Farbraum. Ich kenne diese Eigenschaften und setze sie bei der Fotografie natürlich bewusst ein. Über den Lichtschacht kann ich Perspektiven wählen, auf die ich entweder so nicht ohne Weiteres kommen würde oder für die mich schrecklich verbiegen müsste, würde ich das Bild mit einer digitalen Spiegelreflex machen. Digital hätte ich kein quadratisches Format - ich müsste nachträglich schneiden oder eine digitale Mittelformatkamera benutzen - damit hätte ich aber dann auch schon wieder zwei Kameras dabei.”

Sie lächelte und legte die Krabben zurück ins Brötchen. ” Ich hätte eine ungewollte Perfektion, denn ich kann mit einem digitalen Werkzeug nicht den Abbildungscharakter der Lubitel nachahmen. Wenn ich es nachträglich über ein Bildbearbeitungsprogramm versuche, würde mich das Stunden kosten und das Ergebnis würde mich nicht befriedigen. Das gilt auch für die Farbgebung.  Für die Perspektive, die mir jetzt vorschwebt, müsste ich meinen Körper schmerzhaft verdrehen und hätte wohl trotzdem nicht das, was mir vorschwebt, denn ich müsste mir den Bildausschnitt für einen nachträglichen Schnitt genau überlegen. Letztendlich wäre es digital sicher auch ein gutes Bild, man würde wohl auch meine Handschrift erkennen können, aber ich wäre nicht zufrieden und damit hätte ich einen Kandidaten für die Tonne.”

“Du meinst also, dass die Kamera mit deinen Vorstellungen, deinen Bildentwürfen harmonieren muss, sonst machst du das Bild nicht?” Sein Gesichtsausdruck war zweifelnd. “Klingt komisch”, antwortete sie “aber ich glaube, so ist es tatsächlich. Du pinselst die Wand in Deinem Wohnzimmer ja auch nicht mit Wasserfarbe an, wenn du gerade nicht die Wandfarbe zur Hand hast, die Du eigentlich bräuchtest, oder? ” Sie wischten sich die Hände ab und verließen den Brötchenimbiss.
“Soll ich Dir tragen helfen?” fragte er.

  • Share/Save/Bookmark

Im Haifischbecken

Freitag, 24. Oktober 2008

“Sag mal, was macht eigentlich einen Profifotografen aus?” fragte er, über die Kante seinen Laptops schauend. “Wie kommst du denn jetzt auf eine solche Frage?” wollte sie irritiert wissen. “Naja, Du weißt doch, ich war letzte Woche auf diesem Konzert von einem alten Freund. Und ich hatte die alte Spiegelreflexkamera von dir dabei, weil er mir einen Backstage-Ausweis gegeben und gesagt hatte, dass ich in allen Bereichen fotografieren darf, wenn ich will. Also auch auf der Bühne und so.” Sie nickte. “Wir haben einen großen Teil der Fotos ja auch schon entwickelt und da sind einige dabei, die sehr, sehr gut sind. Aber das heißt doch jetzt nicht, dass du Profi werden willst?” fragte sie zwinkernd.

“Nein, darum geht es nicht!” winkte er ab. “Pass auf, Folgendes ist passiert. Außer mir waren ja noch eine ganze Reihe Leute mit Kameras da. Richtig dicke und fette, teure Digitalspiegelreflexkameras mit Blitz und allem drum und dran. Und ich habe gehört, wie sie sich aufgeregt haben, dass ich einen Ausweis für “all areas” hatte und sie nicht. Dabei hätte ich doch nur so eine alte, gammelige OM-1 um den Hals hängen. Und keinen Blitz und kein Zoomobjektiv!” Sie fing an zu glucksen “Alt und gammelig? Ich glaub es nicht!”
“Da gibt es nichts zu glucksen” maulte er. “Ich weiß ja, dass das eine tolle Kamera ist und die Bilder sind ja auch richtig gut, aber in dem Moment kam ich mir echt blöd vor!”

“Pass auf!” sie grinste immer noch. “Einen Profi erkennt man daran, dass er die alten Werkzeuge kennt und zu schätzen weiß! Einen Profi erkennt man daran, dass er neugierig nachfragt, warum man noch mit diesen Schätzchen fotografiert. Einen Profi erkennt man daran, dass er das Gespräch mit einem sucht, und nicht daran, dass er hintenherum mit angeblichen Kollegen über einen lästert.”
Er runzelte die Stirn. “Dann waren das alles keine Profis dort?” Sie lachte lauthals. “Doch, das kann schon sein. Profi kann sich jeder nennen, der sein Geld mit der Fotografie verdient. Profi ist jeder, der sich brav mit seiner Fotografie bei Finanzamt und Kammer angemeldet hat. Aber das sind doch nur die äußeren Kriterien. Nach denen hast du doch nicht gefragt, oder?”

tp243li


  • Share/Save/Bookmark

Abendblitze

Donnerstag, 02. Oktober 2008

„Warum benutzt Du eigentlich keinen Blitz?“ fragte er versonnen, als sie beide draußen auf der Veranda saßen und den Abendhimmel betrachteten. (weiterlesen…)

  • Share/Save/Bookmark

Blitzgewitter

Mittwoch, 01. Oktober 2008

Wieder einmal saßen sie auf der Veranda, die Luft war schwül und am Himmel zogen drohende Wolken auf, da war ein Gewitter im Anmarsch. In der Ferne (weiterlesen…)

  • Share/Save/Bookmark

Digital hobeln

Dienstag, 16. September 2008

„Du hasst die digitalen Kameras, oder?“
Er fragte dies ganz vorsichtig, (weiterlesen…)

  • Share/Save/Bookmark

Portrait im Café

Donnerstag, 11. September 2008

Samstags saßen sie gerne draußen vor dem Straßencafé in der kleinen Stadt, die sie so sehr mochten. Die Menschen flanierten, eilten, schlenderten und marschierten vorbei, in ihren Gesichtern Hektik, Gelassenheit, Unmut und heitere Ruhe. (weiterlesen…)

  • Share/Save/Bookmark

Scharfe Sauce

Freitag, 05. September 2008

Er saß vor dem Kamin und blätterte in einem dicken, schon völlig zerlesenen Band über Fotografie.
Sie stand in der Küche und rührte engagiert in der Tomatensauce für das Abendessen. „Willst du Spaghetti oder lieber Nudeln, die weniger Schweinkram auf Deinem Hemd hinterlassen?“ fragte sie ihn.
(weiterlesen…)

  • Share/Save/Bookmark

Das Ding an der Wand

Mittwoch, 03. September 2008

Sie kam gerade aus der Dunkelkammer, verschwitzt und den zweifelhaften Duft aggressiver Chemikalien verbreitend und fand ihn in dem alten Ohrensessel sitzend, den Laptop auf den Knien balancierend leise vor sich hin fluchend. (weiterlesen…)

  • Share/Save/Bookmark