Gestern trafen sich Künstler und Piraten für einen Gedankenaustausch in einer Kneipe in Darmstadt.
Ich will jetzt gar nicht großartig über die Gesprächsinhalte berichten - nur so viel sei gesagt, es war ein sehr angenehmes Treffen mit angenehmen Diskussionen und einem sehr regen, tatsächlichen Austausch von Meinungen, Ideen und Sichtweisen.
In dieser Runde ist mir eines aufgefallen: Von denen, die Kunst und Kultur nutzen, wissen wir sehr wenig.
Warum kauft ein Mensch eine CD und warum lädt er sich Musik im Internet herunter? Warum ist er auf der einen Seite bereit für Kultur zu zahlen, auf der anderen Seite nicht?
Warum hat eine Band 70.000 Downloads und nur ein paar wenige Kröten im aufgestellten Spendentopf? Warum wird die Aufforderung zu spenden, nicht ernst genommen und warum ist eine freiwillige Zahlung so schwer? Fühlt sich ein Gebraucher von Kunst und Kultur tatsächlich schlecht, wenn er nur einen einzigenEuro in den Spendentopf wirft? Möchte er sich nicht dem Verdacht ausgesetzt sehen, er sei geizig und spendet daher lieber gar nichts?
70.000 Downloads. Bei einem Euro pro Download wären das 70.000 Euro. Geld, das es den Musikern erlauben würde, mehr von der Musik zu produzieren, die von den Menschen, die sie heruntergeladen haben augenscheinlich ja sehr gemocht wird. Geld, das es ihnen ermöglichen würde, ins Studio zu gehen anstatt einem Job nachzugehen, der ihre Kreativität behindert, wenn nicht sogar auffrisst.
Im Vergleich: Der Stand gestern zu meinem “Bedient Euch” war 89 Downloads und in der Sammelbüchse befinden sich 69,50 Euro. Diese knapp 70 Euro verteilen sich auf drei Menschen, die gesagt haben “Ich zahle für das Bild” und zwei, die gesagt haben “Ich will Dich unterstützen, das Bild selber gibt mir nichts, ich habe es auch nicht heruntergeladen”. Nach Adam Riese bleiben also 84 Menschen übrige, die das Bild heruntergeladen haben, aber auch ausgedrückt haben, dass es für sie nicht den Wert hat, dafür zu bezahlen.
Der Kommentar von Mikel im Nachbarblog war es letztendlich, der bei mir jetzt eben den Impuls ausgelöst hat, diesen Artikel herunterzuschreiben.
Ich glaube nicht, dass das Problem juristisch-politisch zu regeln ist. Wir bräuchten ein Bewusstseinswandel. Das Wissen um künstlerisches Leben. Und das fängt bei Gesangsvereinen an, die Noten kopieren und hört bei dem Gestöhne über die Künstlersoziakasse auf. Von den Problemen mit der Gema und anderen Verwertungsgesellschaften gar nicht zu reden.
Wo ist es denn, das Bewusstsein, dass Menschen, die Kunst schaffen, von irgendetwas leben müssen? Wo ist die Wertschätzung den Menschen gegenüber, die teilweise wirklich unter Extrembedingungen Kunst schaffen? Wo ist der Respekt vor der Arbeit des anderen? Und wie kann man einen Wandel des Bewusstseins herbeiführen?
Ich finde es auch nicht in Ordnung, wenn Menschen kriminalisiert werden, weil sie sich etwas “für umme” aus dem Netz ziehen. Aber ebenso wenig finde ich es in Ordnung, wenn Stimmen laut werden, die sagen “Wenn Du von Deiner Kunst nicht leben kannst, dann musst Du halt richtig arbeiten - denn wenn Du etwas ins Internet stellst, dann machst Du das doch in dem Bewusstsein, dass es einfach genommen wird”
Wenn alle Künstler, die sich im Netz herumtreiben, beschließen würden ab sofort, jetzt und gleich nichts mehr zu produzieren - wie arm würde unsere Kultur plötzlich werden? Ihr wollt Musik, ihr wollt Bilder, ihr wollt Worte, ihr wollt Kunst und Kultur. Was seid ihr bereit dafür zu geben. Und unter welchen Gesichtspunkten seid ihr nicht bereit etwas zu geben? (Und an dieser Stelle rede ich nicht vom “Nichtgefallen” - wenn mir etwas nicht gefällt, dann will ich es nicht haben, auch nicht für umme”)
Müssen Künstler tatsächlich erklären, wie sie leben, damit ihre Arbeit geschätzt wird? Müssen wir einen Seelenstriptease machen, damit wir wertgeschätzt werden? Müssen wir Menschen mit unserem Kontostand bedrängen, damit sie einen Euro für etwas bezahlen, das sie gerne haben möchten? Müssen wir lautstark jammern und klagen?
Fragen über Fragen - für die ein oder andere Antwort wäre ich dankbar.