Eine Forelle schwimmt gegen den Strom

Rezension: Ansichten einer Forelle, Spürsinn-Verlag, ISBN 978-3-940123-21-3, Spürsinn-Verlag

Ansichten einer Forelle


Wenn Michael K. Trout die (deutsche) Kleinbürgerlichkeit portraitiert, zeichnet er eindimensionale Bilder, die gar nicht zu den fotografischen Illustrationen des Buches passen wollen. Aber alles der Reihe nach – schließlich sind Kleinbürgerlichkeit und Fotografie nur zwei Bereiche des Lebens, der die Forelle ansichtig wird.

Als bekennender und begeisterter Leser vom Michael K. Trouts Blog war ich von der stilistischen Aufbereitung der Forellen-Ansichten etwas überrascht. Der tiefsinnige Beobachter (zwischen-) menschlicher Situationen, Agitationen und Kopulationen bleibt in seinem Buchtext überraschend oberflächlich: Denn der namenlose Autor schwülstiger Groschenromane wird ein ebenso ungreifbar gezeichnet wie seine Romanhelden, die er in jeder Situation als Maßstab und Referenz heranzieht.

Stereotypen

Reiche Jünglinge, deren Ehefrauen, immer willige Sekretärinnen der Jünglinge und allzeit bereite Söhne von Golflehrern – diese Entourage begleitet den Groschenroman-Autor im Geiste auf der Suche nach der „erotischen Frau“. Warum ich „erotische Frau“ unter Anführungszeichen setze? Weil sich die Suche in Wirklichkeit um das Finden einer Fickpartnerin dreht, die gewisse optische Ansprüche erfüllen soll – Erotik wird an dieser Stelle der Geschichte noch als stereotype Beschreibung für die Traumfrau benutzt, die man (in Form von Fotos) auch noch seinen Enkeln zeigen kann.

Pure Fotografie

An dieser Stelle kommt auch die Kamera ins Spiel, die den namenlosen Erzähler auf seiner Suche begleitet. Hier findet der Leser zu 100 % den Trout, den er aus dem Blog, diversen Fotoforen und dem persönlichen Mailverkehr kennt: die Wahl fällt natürlich nicht auf die neueste Digiknipse, sondern „einfach nur eine Kamera“. Der schreibende Fotograf und fotografierende Schreiber Michael K. Trout beeindruckt in Folge mit SW-Lomografien, deren Reiz sich in ihren scheinbaren Schwächen offenbart. Details verschwimmen und schärfen so den Blick für das Ganze.

Erotik-Level

Doch zurück zur erotischen Frau im Allgemeinen und den literarischen Begegnungen mit erotischen Frauen im Speziellen. Um zur persönlichen Erkenntnis zu gelangen, durchläuft der namenlose Erzähler (fast wie in einem Computerspiel) verschiedene Level. Zuerst begegnet er einer geheimnisvollen Frau, die an ihm vorbei durch ein Bachbett schreitet. Sie erfüllt seine erotischen Ansprüche, aber er traut sich nicht in Kontakt mit ihr zu treten. Die zweite Begegnung ereignet sich auf offener Straße. Eine selbstbewusste Frau nimmt die Kontaktaufnahme selbst in die Hand, bevor auch sie im Alltag untertaucht. Die dritte Begegnung gipfelt schließlich in gegenseitiger Hingabe. Damit ist zwar die sexuelle Lust befriedigt, die Suche nach der erotischen Frau aber noch lange nicht abgeschlossen.

Ruhe im Kopf

Die tiefgehende emotionale Erfahrung lässt die Romanhelden in den Gedanken des Erzählers zum ersten Mal schweigen. Keine Rede mehr von Jünglingen, die in ihren Sekretärinnen stecken und von Ehefrauen, die die Söhne der Golflehrer benutzen. Michael K. Trout lässt seinen namenlosen Erzähler den Blick auf das Wesentliche richten: zuerst auf ein junges Mädchen, das seine Erotik erst heranreifen lassen muss – danach auf die Erkenntnis, dass Erotik im Auge des Betrachters liegt.

Was nun?

Hmm … ist damit die Suche nach der erotischen Frau abgeschlossen? Jein – der namenlose Erzähler hat sich zwar von seiner Groschenroman-Vorlage ins echte Leben katapultiert, der Leser bleibt aber etwas ratlos zurück. Denn die literarische Reise war nur der Anfang einer Gedankenkette rund um individuelle Perspektiven von Abbildern, Gedankenbildern und Weltbildern. Die „Ansichten einer Forelle“ verstehen sich als Aussichten auf weitere kritische Kommentare von Michael K. Trout – in Form von Blogeinträgen, Forenpostings oder Bildern.

Revolution

Mit dem Abschlusssatz „Alle geschilderten Erlebnisse entsprechen der Wahrheit, weil sie meiner Phantasie entsprungen sind“ formuliert Trout einen unscheinbaren Satz, der sich als Stachel tief ins Fleisch der bigotten Kleinbürgerlichkeit bohrt. Denn wenn Phantasie und Wahrheit unter Umständen gleichzusetzen sind, trifft das auch auf allgemein anerkannte Gegensätze wie Sein und Schein zu – eine Ungeheuerlichkeit, die frisch gestrichene Zäune ignoriert, in liebevoll gepflegte Blumenbeete trampelt und gutbürgerliche Fassaden einreißt. Und das alles, weil eine Forelle in Wort, Bild und Tat konsequent gegen den Strom schwimmt.

Text: (C) Wolfgang Zdimal

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4 Antworten zu “Eine Forelle schwimmt gegen den Strom”

  1. Michael K. Trout » Blog Archiv » Ein geiles Fotografenleben (Teil 58) Sagt:

    [...] bereits in meinem bahnbrechenden Werk „Ansichten einer Forelle“ umfassend ausgeführt, interessiert es mich, ob erotische Frauen ein Höschen tragen. Nebenbei [...]

  2. Michael K. Trout » Blog Archiv » Internetiale Neugier Sagt:

    [...] ich bin der Sache selbst einmal nachgegangen. Wir müssen nicht lange überlegen. In meinem Buch „Ansichten einer Forelle“ habe ich mich mit der Frage der erotischen Frau beschäftigt und ein Teil der erzählerischen [...]

  3. Michael K. Trout» Blogarchiv » Per Anhalter durch den Web-Space Sagt:

    [...] ich ein Buch schreibe, dann verlasse ich mich voll und ganz auf meine eigene Schaffenskraft. Die Ansichten einer Forelle wären niemals so erfolgreich geworden, wenn ich auch nur den kleinsten Teil im Anhaltermodus [...]

  4. Michael K. Trout» Blogarchiv » Fanpost ohne Slip Sagt:

    [...] mein Buch „Ansichten einer Forelle“ im Buchhandel erhältlich ist, bekomme ich Fanpost. Nicht in Regelmäßigkeit, aber ich bekomme [...]

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