Rotwein, Espresso, nah am Leben

Ein paar Tage folgte ich dem inneren Monolog eines Mannes, der sich auf eine Forschungsreise begeben hat, auf der Suche nach der erotischen Frau. Für diese Reise hat er seine Tätigkeit als Schreiber von Groschenromanen aufgegeben, seine Romanhelden und ‑heldinnen aber nicht. Die reichen Jünglinge, willigen Mädchen, Sekretärinnen und Golflehrersöhne, die die Ehefrauen vögeln, begleiten sein Denken weiter, genauso wie die unterstellten Leserinnen seiner Romane allesamt in seiner Vorstellung sexuell frustrierte Hausfrauen sein mögen. Die Suche gerät so zur Abgrenzung von der Juliaheft-Welt und der sexuellen Frustration, von der sie lebt und die erotische Frau wird zum Wahrheits- und Glücksversprechen.

Dieser Monolog ist ennervierend, schweißtreibend zuweilen, manchmal möchte man dem Kerl eine runterhauen und sagen, los denk gerade, sei klug und lass um Himmels Willen endlich die Hausfrauen in Ruhe. Dieses krumme, redundante Denken will ich bei Lesen nicht haben, dazu muss ich nur das Buch weglegen, im Kreis geht genug in meinem Kopf, ein Buch als solches ist erst einmal dazu da, gerade, linear zu sein, seine Medialität verpflichtet geradezu dazu.

Aber je länger ich mich mit diesem Mann um seine Jünglinge und die Hausfrauen drehe, umso mehr komme ich in seinen Rhythmus. Sein Lobgesang auf die erotische Frau berührt, seine Verwunderung darüber, wie und was sie ist und sein kann, rührt an, die zutiefst männlich wirkende Faszination der Körpersäfte irritiert und amüsiert bisweilen, aber wer nicht ein erinnerungsseliges Lächeln im Gesicht hat, wenn er die Lust am beidgeschlechtlichen Lendenduft beschreibt, der sollte bei der nächsten Möglichkeit seine Nase besser nutzen.

Im Laufe der Seiten wird dieser seltsame, fremde Mann recht vertraut, ich gehe mit ihm die Straße entlang und drehe mich mit ihm um seine endlosen Wiederholungen, dieses Buch erschöpft mich, ich bin fast erleichtert, wenn er sich endlich im Café niederlässt oder in der Kneipe Rotwein bestellt.

Überhaupt, fast unmöglich dieses Buch ohne Rotwein zu lesen, wer zum Alkoholismus neigt, sollte die Finger davon lassen und wenn gerade einer dieser fürchterlichen verkaterten Vormittage ist, an denen Sie wissen, dass nur Aspirin Sie retten könnte, dann lesen Sie nicht den letzten Abschnitt, vertrauen Sie mir, tun Sie es einfach nicht.

Das Erschreckende, denn es ist viel zu nah am Leben, ist aber, dass dieses Besäufnis, diese Unterbrechung der heiligen Suche ausgerechnet an der Stelle beginnt, an der sich Textrhythmus und Inhalt im drehenden Hamsterrad endlich zusammengefunden haben – eigentlich angekommen, verlieren wir uns in diesem Rausch und dem folgenden Sterbenwollen des Katers – wer will denn da noch erotische Frauen? Dieser Rückfall, dieses unheldische Unterbrechen der Suche ist wirklich viel zu nah am wirklichen Leben.

Rotwein oder, wenn die Uhrzeit nicht passt, Espresso in größerer Menge und falls Sie rauchen, ausreichend Zigaretten sollten Sie sich bereitlegen – und nehmen Sie sich Zeit, denn dieses Buch will noch etwas von Ihnen: Es ist ein Fotograf, der spricht, nein eine Lomograf, mit so zarten, zärtlichen Bildern, dass ich aufschluchzen könnte, so trostlosen, gehässigen Bildern, dass ich automatisch die Schultern zusammenziehe und so erotischen, kraftvollen Bildern, dass ein Kribbeln im Körper nicht zu vermeiden ist.

Dies ist ein Buch für ruhige Nachmittage, bei denen Sie schon vorher wissen, dass Sie den Abend nicht alleine verbringen werden. Idealerweise treffen Sie eine erotische Frau oder einen Mann, der Sie als solche zu schätzen weiß.

© Janina Jentz

Rezension: Ansichten einer Forelle, Spürsinn-Verlag, ISBN 978-3-940123-21-3, Spürsinn-Verlag

Ansichten einer Forelle

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Eine Antwort zu “Rotwein, Espresso, nah am Leben”

  1. Michael K. Trout» Blogarchiv » Warum ist die Banane krumm? Sagt:

    [...] also der Link zu einer Kritik, bei der ich im ersten Moment kräftig schlucken musste. Ein Autor hat bei der Erstellung seines [...]