Kamera-Geschichten – Einfach-Technik aus Wetzlar

6. Januar 2012 | Von | Kategorie: Allgemein

Für alle Kleinbildfotografen hat der Ortsname Wetzlar einen ganz besonderen Klang. „Leica“ wird jedermann denken, und wenn wir heute eine weitere Kamera-Geschichte aus dem Jahr 1949 erzählen, scheint dies auf die wohl berühmteste Messsucher-Kamera der Welt hinzuweisen. Aber weit gefehlt! Heute berichten wir über eine Messsucher-Kamera aus Wetzlar, die einfachste Technik mit einem guten Objektiv verbindet. Hersteller: Leidolf; Kamera-Name: LEIDOX.

Nach dem 2. Weltkrieg gab es in der deutschen Industrie nicht viel, mit dem man aus dem Stand wieder zum normalen Leben zurück finden konnte. Besonders die deutsche Kamera- und Optik-Industrie hatte vor und im 2. Weltkrieg einen weltweit herausragenden Ruf errungen und nahezu geniale Produkte hervor gebracht. Nun wäre es eigentlich ein Leichtes gewesen, hieran anzuknüpfen. Viele dieser Fertigungsanlagen waren jedoch demontiert und als Reparationsleistungen von Seiten der Alliierten abtransportiert worden. Im wahrsten Sinn des Wortes, im Nachkriegsdeutschland war kein Stein auf dem anderen geblieben. Trotzdem begann das Streben nach Neuem, auch wenn das Neue mit einfachsten Mitteln geschaffen werden musste. Neben Leica, sogar in verhältnismäßiger Nähe, existierte schon seit 1921 ein Unternehmen, das sich mit der Herstellung von Linsen und kompletten Optiken für die Mikroskopie befasste. Rudolf Leidolf, der Gründer des Unternehmens, hatte eigentlich kein größeres Interesse an der Fotografie. Seine Gedanken schwebten stets um die Verbesserung von Optiken in der Mikroskopie. Einer seiner Mitarbeiter, der ursprünglich bei Leica gelernt hatte, brachte Leidolf auf die Idee, dass für Mikroskope hergestellte Linsen auch für den Aufbau von Kamera-Objektiven genutzt werden können. So begann Anfang 1948 eine interessante Episode der deutschen Kamera-Geschichte.

Ende der 1940er Jahre war noch nicht die Zeit der Fremd-Objektive für große Kamera-Marken angebrochen. Zudem konnten weder Voigtländer, noch Zeiss und auch nicht der Nachbar Leica von reißendem Absatz an Kameras reden. So machte es einfach keinen Sinn, Objektive für deren Kameras zu bauen. Zudem waren die Fertigungsmöglichkeiten von Leidolf bezüglich der Linsendurchmesser auf kleinere Formate beschränkt – eben so groß, wie man es für die Objektive der Mikroskope benötigte. Nun war es eine leichte Übung, an ein gutes Objektiv eine sehr einfache Kamera anzubauen. Unter diesem Motto entstand die LEIDOX: Herausragende Optik und äußerst einfache Kamera-Technik.

LeidoxIm Grunde ist eine Kamera nur eine lichtdichte Schachtel in der ein Film liegt, vorne sitzt ein Objektiv, zwischen Film und Objektiv sitzt ein Verschluss. Um alles schön zu machen, gibt es noch eine verstellbare Blende. Und tatsächlich, die LEIDOX hatte exakt dieses Konstruktionsprinzip. Und weil man die Kleinbildtechnik bezüglich Filmtransport zu kompliziert fand und die für Rollfilme geeigneten Kameras im Aufnahmeformat 6×6 oder 6×9 cm zu viel Blech benötigten, wählte man das Filmformat 4×4 cm, also den 127er Film, und kreierte eine nicht sonderlich schöne, aber sehr effektive Kamera. Der Kamera-Name LEIDOX war auch nicht sonderlich originell. Aber warum auch, für 69,- DM stand sie also Anfang 1949 in den Schaufenstern des Fotohandels. Vielmehr, Leidolf dachte, dass diese Kamera in allen Schaufenstern stehen sollte, aber der Handel wartete lieber auf die neuen Kameras von Voigtländer, Zeiss oder Leica. Übrigens sollte die namenstechnische und reale Nachbarschaft zu Leica der LEIDOX von Leidolf tatsächlich den einen oder anderen Kunden eingebracht haben. Diese Verwechselung treibt heute noch manchen Auktionskurs in die Höhe.

Wer sich auf die einfache LEIDOX heute einlässt, kann sich nur aus einem sehr eingeschränkten Film-Angebot bedienen. Auch ist die Kamera-Bedienung gewöhnungsbedürftig. Die Fokussierung muss geschätzt werden, da lediglich ein Tunnelsucher zur Verfügung steht. In den Verschlussgeschwindigkeiten ist Purismus angesagt – B, 1/25 sec, 1/75 sec und dann gleich 1/200 sec müssen ausreichen. Auch die Blendenwahl ist ungewöhnlich knapp: 3.8, 4.5, 6.3, 9 und 12. Aus heutiger Sicht kommt uns all das sehr schräg vor und tatsächlich, auch als diese Kamera noch neu war, war das alles schon schräg. Warum soll man sich heute mit so einer Kamera abmühen, die bereits als Neuware veraltet war? Pure Nostalgie?

Wer heute mit der LEIDOX fotografiert, wird sich mit Sicherheit im künstlerischen Bereich wiederfinden. Besonders Doppelbelichtungen machen mit dieser Kamera Spaß. Da keine Doppelbelichtungssperre vorhanden ist, kann man ohne Probleme zwei, drei oder mehr Auslösungen machen. Die Optik ist erstaunlich abbildungsstark. Ob die Verschlusszeiten noch genau laufen, ist bei einer Mehrfachbelichtung nicht so wichtig, aber die Detailzeichnung des Objektives entschädigt für so manchen anderen Mangel der Kamera. Eigentlich lässt sich die Kamera für jede Art von Aufnahmen verwenden, aber es gilt das, was bereits 1949 galt: Für jede Art der Fotografie gibt es besseres. Beim Scannen von 4×4-Negativen wird man einige Probleme haben. Man kann jedoch das 4×4-Negativ in die Dia-Aufnahme des Scanners legen. Am Besten ist es jedoch, die Bilder in der Dunkelkammer auszubelichten, wenn man eine entsprechende Aufnahme in der Bildbühne hat. Die LEIDOX ist das Richtige für Liebhaber des Besonderen. Letztendlich war es auch der Grund, warum die Kamera recht schnell nach ihrer Markteinführung wieder verschwand. Die nachfolgenden Modelle waren auf das Kleinbild-Format ausgerichtet und deutlich besser als ihr Urvater, aber im Grunde niemals erfolgreich. 1962 musste Leidolf, Wetzlar, die Werkstore schließen. Wer heute eine Kamera aus dem Hause Leidolf erwirbt, hält eine interessante Episode der deutschen Kamera-Geschichte in Händen, ohne Anspruch auf Spitzentechnologie – wenn man von den durchweg guten Optiken absieht. Aber an außergewöhnlichen Objektiven anderer Hersteller dieser Zeit herrscht sowieso kein Mangel. Leidolf-Kameras bleiben das, was sie schon immer waren: Liebhaberstücke.

  #kamerageschichten

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2 Kommentare zu “Kamera-Geschichten – Einfach-Technik aus Wetzlar”

  1. Spycam 2000 sagt:

    Super Artikel mit haufenweise guter Informationen!!!
    Ich werde euch wieder besuchen und den Blog natürlich weiterempfehlen!!
    Bis bals 🙂

  2. Hermann Weber sagt:

    Sehr schöner Artikel. Man könnte ihn indessen noch ergänzen: Der besagte Mitarbeiter bei Leidolf hatte, als er noch für Leitz arbeitete, seinen Arbeitgeber versucht zu überreden, die Leica zu modernisieren und ihr ein zeitgemäßes Aussehen zu verschaffen. Darauf wollte Leitz sich nicht einlassen. Bei Leidolf konnte er jedoch seine Vorstellungen realisieren. Ein paar Häuser weiter von Leitz entfernt wartete man bei Leidolf in Wetzlar schon auf den neuen Ideengeber. Unter dem Namen „Leidax“ und „Leidox“ wurden verschiedene Rollfimkameras (Format 4/4) produziert. Leitz ging dann gegen Leidolf gerichtlich vor, weil es in den Leidolf-Kameras eine zu große Namensähnlichkeit mit der „Leica“ sah. Leidolf produzierte darauf unter dem veränderten Namen „Lordox“ und „Lordomat“ bis 1962 eine Reihe von Kleinbildkameras, die keinen Vergleich mit den renommierten Erzeugnissen der Konkurrenz zu scheuen brauchten.

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