Kamera-Geschichten – Leicaflex SL

10. März 2010 | Von | Kategorie: Tipps & Ratschläge

Der Frühling kommt und der Auslösefinger juckt. Analogfotografen haben den großen Vorteil, dass sie sich auch noch die eine oder andere Kamera mit historischem Hintergrund zulegen können, ohne zurück in die technologische Steinzeit zu fallen. Aus diesem Grund werden wir in einer losen Reihe immer wieder fotografische Youngtimer vorstellen, deren Erwerb sich auf jeden Fall lohnt. Die erste Kamera dieser Reihe, wurde bei Leitz, Wetzlar, gebaut und hört auf den Namen „Leicaflex SL“. Im Jahr ihrer Vorstellung, 1968, markierte sie die Spitze der damaligen Kleinbild-Spiegelreflexkameras und gab diesen Pokal für einige Jahr nicht ab.

Als 1968 die „Leicaflex SL“ den Vorläufer „Leicaflex“ ablöste, gab es in der Fachpresse ein Raunen. Mit einer echten TTL-Belichtungsmessung wurde der Beweis gegeben, dass die Zeit der CdS-Belichtungsmessung endgültig vorbei war. Aber da die Konstrukteure der „Leicaflex SL“ die Riege der Profi-Fotografen im Visier hatten, wurde die Belichtungsmessung in einer vollkommen neuen Technologie auf die Spitze getrieben. Konzipiert wurde die Selektivmessung, die im Wesentlichen der Spotmessung entsprach, jedoch einen erweiterten Messbereich aufwies. Hierauf begründete sich nun für viele Jahre die SL-Legende, die noch heute bei vielen „Alt-Fotografen“ für einen verträumten Blick sorgt.

Die „Leicaflex SL“ war im Grunde ein Schwermetall. Stabilität mit nahezu herausfordernder Unverwüstlichkeit stritten mit der Ergonomie. Nicht alle Fotografen liebten sie, aber diejenigen, die sich in die SL verliebten, hatten ein Werkzeug fürs Leben gefunden. Genau dieser Umstand ist heute dafür verantwortlich, dass viel der gebraucht angebotenen „Leicaflex SL“ deutliche Gebrauchsspuren tragen. Einige SL-Liebhaber sagen, dass dies keine Mängel, sondern Jahresringe wären. Tatsächlich ist die Kamera fast unkaputtbar und die unverwüstliche Belichtungsmessung ein Gedicht.

Im Sucher der SL sieht man einen deutlich sichtbaren Kreis, der in erster Linie die Markierung der Belichtungsmessung angibt. Da es sich bei der SL um eine rein mechanische Kamera handelt, ist Belichtungsmessung und Einstellung Handarbeit. Um dies zu erleichtern wurde im unteren Bildbereich die gewählte Verschlusszeit angezeigt und im rechten Sucherbereich gab es eine sehr weitläufige Lichtwaage, in der ein Zeiger die Richtigkeit der Belichtungsmessung ausweist. Da die SL im Profi-Sektor ihren Platz finden sollte, war es durchaus logisch, dass die Verschlusszeit das wichtigste war und am Blendenring des Objektivs die minimale Auf- und Abblendung quasi nebenbei vorgenommen wurde. Damals traute man Profis zu, dass exakte Belichtung sowieso voreingestellt war und nur geringer Manipulationen bedurfte. Es war die Zeit, in der Profi-Fotografen sowieso ein wenig härter gesotten waren und Toleranzen von Filmmaterial und Lichtsituationen aus dem Handgelenk beherrschten.

Eine Besonderheit der „Leicaflex SL“ war die Ausgewogenheit. Wie bereits erwähnt, war sie ergonomisch nicht unbedingt so gestaltet, wie wir uns heute ein gelungenes Design vorstellen. Viel wichtiger war damals, dass die Kamera gut und schwer in der Hand lag. Dies musste mit einer kurzen 50mm-Brennweite genau so passen, wie mit einem Teleobjektiv. Die Kamera sollte einfach wie eine gute Waffe in der Hand liegen und dabei musste es egal sein, welche Brennweite gerade verwendet wurde. In der damaligen Zeit war es unter Profi-Fotografen, insbesondere in der Pressefotografie, üblich, dass eine Messsucherkamera mit 35mm- oder 50mm-Objektiv neben einer Spiegelreflexkamera mit längerer Brennweite zum Einsatz kam. Da Blitz zwar gut und schön war, aber unter vielen Pressefotografen verpönt blieb, stieg die „Leicaflex SL“ mit einer ISO-Wahl von 12 bis 3200 in den Ring. Noch heute verwundert die Messpräzision über den gesamten ISO-Bereich. Selbst spätere Spiegelreflex-Modelle aus dem Hause Leitz konnten diese Präzision nicht mehr in gleicher Weise bieten. Derartig ausgestattet, war die Kamera ohne lange Einstellarbeit praktisch aus dem Stand für jedes Sujet und jede Situation nutzbar. Naturfotografen waren hellauf begeistert, weil sie mit der SL erstmals eine Kamera bekamen, mit der sogar bis in den Makro-Bereich ohne Rechnerei die Belichtungsmessung sofort und passend ermittelt werden konnte. Die Qualität der Original-Objektive war sowieso über jeden Zweifel erhaben. Eine so ausgestattete Kamera wurde natürlich schnell zur Herausforderung und Messgröße für die Filmindustrie.

Eine derart präzise Kamera, wie die SL, ist wie geschaffen für die Dia-Fotografie. Ende der 1960er Jahre ging da kein Weg an Kodak vorbei. Manchmal kam der Eindruck auf, die SL wäre der Verkaufsförderer für den „Kodak Ektachrom“. Grandiose Naturaufnahmen, die noch heute für Furore sorgen, entstanden mit der SL auf Ektachrom. Aber nicht nur das Bunte hatte seinen Platz in der Leica. Durch die Reportagefotografie kam die Schwarzweiß-Fotografie wie selbstverständlich hinzu. Hier wurde Ilford mit seinem ISO400-Material ein gerne genommener Film. Mittels Push- und Pull-Entwicklung machten sich Fotografen wenig Gedanken darüber, welchen Film sie in die Kamera packen sollten. Wenn es zu dunkel oder zu hell wurde, dann genügte ein Dreh an der ISO-Einstellung der Kamera und hinterher eine entsprechende Entwicklung und alles war gut. Die SL hatte etwas von einem Eichungsgerät, weil die eingestellte ISO auch immer so auf den Film kam. Kodak wollte natürlich diesen Markt nicht Ilford alleine überlassen und schickte entsprechende Schwarzweiß-Filme ins Rennen. Experten munkeln, dass die SL ein gewichtiger Grund dafür war, dass sich immer mehr Filme mit außergewöhnlich guten Push-Eigenschaften, wie der Tri-X, am Markt behaupteten. Die „Leicaflex SL“ hatte tatsächlich etwas normierendes – schließlich wurden in knapp 6 Jahren nahezu 75.000 Stück gebaut, wobei rund 1.000 davon mit einem Motorantrieb ausgestattet waren.

1974 wurde die SL renoviert und kam als SL2 und SL2mot auf den Markt. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch die Blütezeit dieser Kamera vorbei. In 2 Jahren wurden noch rund 25.000 Stück der Nachfolgerin gebaut, die zwar alle Tugenden der Vorgängerin und einige Verbesserungen in sich trug, aber niemals an das Große der SL anknüpfen konnte. 1976 ging Leitz eine Kooperation mit Minolta ein. Aus dieser Ehe entwickelte sich die R-Serie der Leica, die trotz aller Spitzentechnologie nicht am Nimbus der „Leicaflex SL“ kratzen konnte. Anfang der 1980er Jahre gab es noch einige Versuchsmodelle auf Basis der SL/SL2, die das Marktsegment der Profi-Fotografen zurückgewinnen sollten. Aber da war die Welt schon lange nicht mehr so, dass ein gnadenloser Manuellbolide gegen allerlei Automatik bestehen konnte. Die „Leicaflex SL“ markiert einen Zeitabschnitt in der Geschichte der Fotografie, der sich nicht mehr zurückholen lässt, aber für jeden ambitionierten Kleinbild-Fotografen auf jeden Fall einen Kauf wert ist, wenn er eine solche Kamera bekommen kann.

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6 Kommentare zu “Kamera-Geschichten – Leicaflex SL”

  1. […] Ganz ehrlich, ich habe hier eine richtig große Auswahl an Kameras. So mancher Fotograf würde sich alle 10 Finger danach lecken, um nur einmal mit 10% meiner Kameras fotografieren zu dürfen. Sammelleidenschaft oder die Sucht des Fotografen nach noch mehr Kamera? Keine Ahnung, es passiert einfach so. Jetzt bin ich ruhiger geworden und einige Apparate habe ich förmlich wiederentdeckt. Ein Wiederentdeckung ist die „Leicaflex SL“. […]

  2. Martin sagt:

    Ich habe sie jetzt auch, mannnomannomann was für ein Tier von Kamera und das auslösen ist wie der Klang einer Violine von Stradivari. Ich bin entzückt.

  3. Gauss sagt:

    habe gerade eine geordert….

  4. Carsten sagt:

    Die SL ist ein echter Klassiker!
    Wer noch viel mehr darüber erfahren möchte, der kann sich gerne an Leica Historica e.V. wenden. Mitglieder dort können ein überaus umfangreiches und absolut faszinierendes Buch erhalten, das von Georg Mann, der selbst an der Entwicklung der SL beteiligt war, geschrieben wurde.

    http://www.leica-historica.de/

    Schöne Grüße!
    Carsten

  5. Jörg Redeker sagt:

    Ich benutze die Leica SL 2 als Belichtungsmesser wenn ich mit meiner umfangreichen Rolleiflex SL 66 Ausrüstung fotografieren gehe. Ich fahre dann doppelgleisig. Die Fotographiemöglichkeiten mit der SL 66 sind noch umfangreicher als mit der SL 2. Letztere möcchte ich nicht missen.

  6. Lutz Ludwig sagt:

    Ich sammle alles mögliche an Fotokameras und Zubehör.
    Nutze dieses gute alte Technik auch noch regelmäßig.
    Jetzt hab ich es getan und mir eine kleine feine Leica Sammlung zugelegt.
    Leica IIIf & Elmar 3.5/50 & 4.0/90 ; Leicaflex ; Leicaflex SL ; Leicaflex SL2 & Summicron 2.0/50 & Elmarit 2.8/28.
    Was soll ich sagen, mit diesen Werkzeug im wahrsten Sinne des Wortes, kann man nichts falsch machen.
    Die Leicaflexen sind alle 3 erstklassige Kameras, die Belichtungsmessung der SL ist einzigartig, meine funktioniert auch heute noch genauer wie ein sehr guter externer Belichtungsmesser.
    Mit dieser Ausrüstung hab ich die SW Fotografie wieder entdeckt und bin einfach begeistert.
    Was mich an den Leicaflexen fasziniert, sie haben bei mir den Vorrang zur digitalen Fotografie zurückgewonnen und ich freue mich immer wieder aufs neue wenn ein Film belichtet wird und ich die Ergebinisse vor mir habe.

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