Selbst entwickeln ganz einfach!

23. August 2016 | Von | Kategorie: Tipps & Ratschläge

Seit wir den Laden mitten in der Altstadt Braunschweigs haben, kommen immer häufiger Kunden auf uns zu und fragen uns „Wie geht das mit dem selbst entwickeln?“ oder „Ist das sehr kompliziert, wenn ich das selbst machen will?“.
Im allwissenden Internet wird jede Menge „Voodoo“ in die Filmentwicklung interpretiert – in Wahrheit ist es einfacher als viele glauben. Die meisten „Muggel“ (hier: liebevoller Ausdruck für nicht analog Infizierte) denken bei Fotografie an vergilbte Farbbilder und die Dunkelkammer mit Rotlicht. „Viel zu umständlich. Ist doch mit der kleinen Digitalen viel schneller…“
Film selbst entwickeln geht schnell und ist auch kein Hexenwerk.

Farbe oder schwarzweiß?

Viele Analogfotografen mögen lieber Schwarzweiß-Film als Farbfilm. Auch immer mehr Anfänger wollen lieber schwarzweiß statt farbig fotografieren. Schwarzweiß-Fotografien sind ja auch auf eine besondere Art ansprechend.
Und da soll das Entwickeln ja gar nicht so kompliziert sein. Ist es auch nicht, und genau das wollen wir hier schildern.

Farbentwicklung ist auch nicht so schwer, wir beschränken uns hier aber auf die Schwarzweiß-Negativentwicklung.

Was man so braucht

Um einen Film selbst zu entwickeln, benötigt man ein bisschen „Hardware“ und ein bisschen „Software“.
Zur „Hardware“ gehören:

        • 1 Entwicklerdose und die dazugehörende(n) Spule(n)
        • Mess – und Aufbewahrungsbehälter um Chemie zu mischen und Arbeitslösungen aufzubewahren
        • ein Thermometer, denn Fotochemie benötigt eine gewisse Temperatur, um ordentlich zu arbeiten.
        • Filmklammern, mit denen der fertig entwickelte Film zum Trocknen aufgehängt werden kann.
        • zu guter Letzt eine Stoppuhr, die hat inzwischen ja jedes Handy
        • Wer keinen absolut dunklen Raum zur Verfügung hat, (und mit dunkel meinen wir wirklich, wirklich sehr dunkel!), der sollte sich auch noch einen Wechselsack (auch Dunkelsack genannt) anschaffen.

WechselsacDer Wechselsack sieht aus wie ein Pullover, nur ohne Halsöffnung. Und die Unterseite ist mit einem doppelten Reißverschluss (einer Lichtschleuse) versehen. Die Ärmel passen sich mit Gummibändern dem Oberarm des Fotografen an. Mithilfe des Wechselsacks bekommt man bequem an jedem Ort seinen Film aus der Kapsel (KB) oder von der Rollfilmspule auf die Entwicklerspule und diese in die lichtdichte Entwicklerdose, ohne dass er dem Licht ausgesetzt wird. Bei Problemen mit dem Filmtransport (gerissener Film oder ähnliches) hilft der Einsatz eines Wechselsacks den Film aus der Kamera zu retten.

Zur „Software“ rechnen wir die Fotochemie. Wir brauchen einen Negativentwickler und einen Fixierer.

Außerdem benötigen wir noch ein paar Kleinigkeiten, die sich im Normalfall in jedem gut sortierten Haushalt finden. Einen Flaschenöffner (oder eine kleine Zange), mit dem die Filmpatrone des Kleinbildfilms geknackt wird, und eine Schere, um den Kleinbildfilm am Ende abzuschneiden. Wer nur Rollfilm entwickelt, kann die letzt genannten Punkte durchaus vernachlässigen.

Wir empfehlen unser Startset zum selbst entwickeln

Unsere Startsets wurden liebevoll von uns zusammengestellt. Sie enthalten alles, was der Analogfotograf für die Entwicklung benötigt. Wie bieten 4 unterschiedliche Startsets an. Für Kleinbild und Mittelformat mit oder ohne Wechselsack.

In allen Startsets  sind eine Dose mit Spule, eine Mensur, ein Trichter, zwei Flaschen zur Aufbewahrung der Chemie, ein Thermometer und ein Paar Filmklammern enthalten.
Zusätzlich eine Flasche mit unserem Entwicklerkonzentrat „Spürsinn SAM classic“ und eine Flasche Spürsinn 6punkt5 Fixierer. Außerdem noch 5 Stück Ilford Hp5 Film im passenden Format (120er Rollfilm oder 135er Kleinbild).
Wer keine Dunkelkammer oder einen anderen vollkommen abdunkelbaren Raum besitzt und alle die es gerne bequemer haben wollen, wählen das passende Startset mit Wechselsack.

selbst entwickeln

Startset Kleinbild

Startset Kleinbild mit Wechselsack

Startset Mittelformat

Startset Mittelformat mit Wechselsack

 

Rein in die Dose

Der belichtete Film soll auf eine Spule und in die Entwicklungsdose kommen. Das ist der Schritt, vor dem die meisten Anfänger den meisten Respekt haben, da hier in absoluter Dunkelheit gearbeitet wird. (Wem jetzt das Wort „Rotlicht“ in den Kopf schießt, der vergisst das gleich wieder. Rotlicht ist nur für die Positiventwicklung, also die Papierabzüge, relevant.) Absolute Dunkelheit bedeutet auch, dass keine Armbanduhren mit beleuchteten oder phosphoreszierendem Zifferblatt mitspielen dürfen. Absolute Dunkelheit bedeutet auch, dass man nichts sieht. Daher ist es sinnvoll, sich mit den Werkzeugen vertraut zu machen.
Zu der Entwicklerdose gehören ein Deckel, ein Schraubdeckel mit Einfüllöffnung, ein hohler Stab (Dorn) und eine Spule. Schaut man sich die Spule genau an, so findet man rechts und links zwei kleine „Nasen“, die sind schon mal ganz wichtig für die Orientierung im Dunkeln. Die Spulenteile lassen sich gegeneinander bewegen. Vor und zurück. Dieses Bewegen ist für das Einspulen genau richtig.

Wir haben das Startset mit Wechselsack. Der Ilford HP5 wurde auf 400 ASA/ISO belichtet (Nennempfindlichkeit) und zurückgespult.
Zusammen mit dem Film legen wir die Entwicklerdose (Mit Deckel, Spule und Dorn!), eine Schere und einen Flaschenöffner (oder eine Zange) in den Wechselsack.
Da man im Wechselsack nichts sehen kann, ist es von Vorteil, sich die einzelnen Teile so zurecht zu legen, dass man sie leicht wieder findet. Ich lege die belichteten Filme immer zusammen mit der Spule nach links, die Dose mit Dorn mittig, Deckel, Schere und Flaschenöffner nach rechts. Aber das kann jeder sortieren wie er möchte. Wildes Herumtasten im Dunkeln wird auf jeden Fall verringert, wenn man sich so ein paar immer wieder kehrende Positionierungen angewöhnt.

Hat man seine Utensilien alle im Wechselsack verstaut, kann man loslegen. Beide (!) Reißverschlüsse ordentlich schließen und rein in die Ärmel. Mit den Armen versteht sich.
Erstmal sortieren. Am Anfang ist das Gefühl, dass man zwar sehen kann, aber nicht das sieht, was die Hände machen wirklich seltsam. Aber da gewöhnt man sich schnell dran.

Kleinbild selbst entwickeln

Wir befreien die Filmrolle vorsichtig aus der Patrone (Dies geht am einfachsten mit einem Flaschenöffner. Ansetzen, die Kappe hochhebeln, fertig.) und suchen uns den Anfang. Diesen Anfang kann man nun mit der Schere leicht rund abschneiden, möglichst so, dass keine Löcher von der Perforation zerschnitten werden. Angeschnittene Perforation führt beim Einspulen oft dazu, dass der Film hängen bleibt. Hat man den Film schön halbrund angeschnitten, nimmt man sich die Spule mit der anderen Hand und sucht sich die bereits erwähnten „Nasen“ an der Filmspule. Zwischen diese „Nasen“ fädelt man nun den Filmanfang ein. Durch gegenläufiges Bewegen der Spulenteile kann man den Film nun aufspulen. Am Ende des Films sitzt die kleine Spule, auf der der Film in seiner Patrone aufgewickelt war. Dort schneidet man den Film ab. Wenn der Film vollständig auf der Spule ist, steckt man die Spule auf das hohle Rohr und dieses wiederum in die Entwicklerdose. Dann schraubt man den Schraubdeckel auf. Nun ist der Film lichtdicht aufbewahrt und man kann das Licht an machen, bzw. die Hände aus dem Dunkelsack nehmen. Und das war auch schon alles, was im Dunkeln gemacht wird.

Mittelformat selbst entwickeln

Für die Entwicklung von Rollfilmen kann man auf den Flaschenöffner verzichten. Die Spule stellt man auf das größere Format, bevor man sie in den Wechselsack legt. Das funktioniert durch Drehen und Ziehen der Spulenteile. Wer mag, kann auch einen Rollfilm anschneiden, damit er sich leichter einspulen lässt. In diesem Fall kommt auch eine Schere mit in den Wechselsack. Der Rollfilm wird im Wechselsack geöffnet, dann tasten wir uns mit den Fingern bis zum Filmanfang. Voilà, die weiteren Schritte sind wie im oberen Absatz beschrieben. Ich persönlich suche nach dem Aufspulen im Wechselsack immer noch nach dem Rückpapier und reiße es ein. Lässt es sich nicht einreißen, dann hat man aus Versehen das Rückpapier aufgespult und nicht den Film. Klingt komisch, ist aber schon vorgekommen.

Die Chemie

Als nächstes mischen wir die Chemie. Der SAM classic kommt als flüssiges Konzentrat mit dem Startset. Ebenso der Fixierer. Bevor man die Chemie mischt, kann man die Dose schon mit ca 20°C warmen Wasser befüllen. Das Vorwässern ist zwar nicht zwingend nötig, wäscht aber die Lichthofschutzschicht ab und lässt die Emulsion des Films aufquellen. Dadurch kann sie den Entwickler einfacher aufnehmen.
selbst entwickelnFür einen HP5 auf 400 ISO mischen wir den Entwickler in einer Verdünnung von 1+7. Das bedeutet 1 Teil Entwicklerkonzentrat und 7 Teile Wasser.
Unter der Entwicklerdose aus dem Startset ist die Menge an Arbeitslösung aufgeführt, die man für unterschiedliche Filme benötigt.
Für einen Kleinbildfilm brauchen wir 375ml Arbeitslösung. Für die Verdünnung 1+7 braucht man also 46,88 ml Sam Classic und Entwicklerkonzentrat und 328,12ml Wasser. Der SAM classic hat ausreichend Toleranz, daher können wir locker aufrunden.
47ml Sam classic + 328ml Wasser.
Das Wasser sollte 20°C haben. Ist dies nicht der Fall, kann man die Entwicklungszeit anhand der Tabelle im Datenblatt anpassen.

Ein Rollfilm (Mittelformat) benötigt mehr Entwicklerchemie. In unserem Beispiel für 1 HP5 mit 400 ASA/ISO sind das dann 590ml für die Entwicklerdose, die zum Startset gehört. Für 590ml Arbeitslösung mischen wir 74ml Konzentrat Sam classic mit 516ml Wasser.

Der Fixierer „Spürsinn 6punkt5“ kann in verschiedenen Mischungsverhältnissen gemischt werden, da er auch für den Positivprozess genutzt werden kann. Für die Filmentwicklung empfehlen wir das Verhältnis 1+6. Da man den Fixierer mehrfach nutzen kann,mischen wir immer gleich einen ganzen Liter an und bewahren ihn in der braunen Chemikalienflasche auf.
Für einen Liter Fixierer brauchen wir folgende Rechnung: 1000ml geteilt durch 7 = 142,86. Auch hier kann man durchaus ein bisschen runden! Man nimmt also 143ml Fixiererkonzentrat und 857ml Wasser

Wichtig:
Eine Flasche NUR für Entwickler und die andere Flasche NUR für Fixierer verwenden. Am besten beschriften. Ein Tropfen Fixierer im Entwickler macht den gesamten Entwickler unbrauchbar.

Die Chemie ist gemischt, alles steht bereit.

Jetzt geht es los

Wir haben jetzt also unsere Dose mit dem Film, eine Flasche mit Entwicklerlösung und eine Flasche mit Fixierer. Die Entwicklerlösung hat 20°C und wir wissen aus dem Datenblatt, dass unser HP5 8 Minuten und 45 Sekunden entwickelt werden soll. Der Film ist ja bereits vorgewässert. Dieses Wasser wird nun ausgegossen und man füllt die Entwicklerlösung in die Dose. Das sollte sehr zügig geschehen, denn der Entwicklungsprozess beginnt, wenn die Entwicklungslösung auf den Film trifft. Gießt man die Entwicklerlösung zu langsam in die Dose, dann ist die eine Hälfte des Films schon in Aktion während die andere noch schlummert. Das kann zu unschönen Ergebnissen führen.
Wenn der Entwickler in der Dose ist, startet man eine Stoppuhr (eine Funktion, die inzwischen jedes Handy beherrscht), die auf die vorgeschriebene Entwicklerzeit eingestellt wurde und macht den Deckel der Dose zu.

Kippen, schütteln oder schwenken?

Man bewegt die Dose, damit sich der Entwickler gut verteilt. Jetzt sind wir wir wieder an einer Stelle angelangt, an der sich Geister scheiden. Kippt man die Dose? Schwenkt man sie nur? Bewegt man sie alle 30 Sekunden? Oder doch nur jede Minute? Rituale, die das Fotografenleben beherrschen. Wichtig ist, dass die Dose bewegt wird. Die erste Minute. Dann stößt man sie einmal auf der Tischplatte auf, damit sich eventuell vorhandene Luftbläschen vom Film lösen und an die Oberfläche schwimmen und platzen. Jetzt kann man sich überlegen, ob man in angemessenen Abständen schwenkt oder kippt. Bei einer Entwicklungszeit von 8 Minuten und 45 Sekunden ist ungefähr jede Minute ein bisschen Bewegung angemessen.
Die richtige Bewegung, der beste Kipprhythmus wann und wie, das sind Themen, die seit Jahrzehnten zu wilden Diskussionen unter Fotografierenden führen. Wir wollen uns hier nicht auf eine Methode festlegen, sondern nur dazu beitragen, dass jemand, der das erste Mal einen Film entwickelt, einen Film aus seiner Dose ziehen kann, auf dem Bilder zu sehen sind. Um dies zu erreichen, wird der Film bewegt. Für alles andere ist dann noch viele Jahrzehnte Zeit, um Erfahrung zu sammeln und Lieblingsmethoden zu finden.

Endspurt!

Nachdem die Zeit von 8:45 abgelaufen ist, wird die Entwicklerlösung zügig in eine Aufbewahrungsflasche gegossen. (Den Sam classic kann man nämlich noch ein paar Mal verwenden! Wie das genau funktioniert, steht ausführlich im beiliegenden Datenblatt.) Jetzt wird der Entwicklungsprozess gestoppt, indem man ganz normales Leitungswasser in die Dose füllt.

Das Wasser wird nach kurzer Zeit wieder aus der Dose gekippt, jetzt kommt der Fixierer hinein. Die Entwicklerdose wird bis Anschlag mit Fixierer gefüllt. So ist garantiert, dass der gesamte Film mit Fixierer bedeckt ist.
Da unser Spürsinn 6punkt5 ein saurer und damit langsamer Fixierer ist, braucht er seine Zeit zum arbeiten. Diese ist abhängig von Film und Belichtung. Der 6punkt5 hat keinen Bleach-out Effekt, daher kann der Film ruhig eine Weile in der Fixiererlösung schwimmen. 20-30 min sind eine gute Zeit, länger schadet auch nicht. Anfangs sollte die Dose mit dem Fixierer wieder ein bisschen bewegt werden, damit sich die Lösung gut verteilen kann. Wenn der Film schon ein paar Sekunden im Fixierer ist, ist er nicht mehr lichtempfindlich. Dann kann man die Entwicklerdose auch schon öffnen und nachschauen, wie der Film aussieht . Der Film zeigt sich zuerst ganz milchig. Wenn er klar und ohne milchige Stellen erscheint, ist die Fixierung abgeschlossen und man füllt den Fixierer zurück in die dafür vorgesehene Flasche.

Nach der Fixierung wird der Film gründlich gewässert, damit die Reste des Fixierers die Negative nicht zerstören. Man kann den Film dafür in eine Schüssel oder einen Eimer voll Leitungswasser legen. Manche legen ihn mitsamt der Spule zum Wässern in die Schüssel, andere machen die Spule auf und lassen den Film locker herum schwimmen. Wir meinen, jeder soll es so machen, wie er es für das Beste hält.

Zum Abschluss wird der Film noch mit den Filmklammern an einer Leine zum trocknen aufgehängt. Möglichst staubfrei und mit einer Unterlage. Eine Dusche bietet sich an, feuchter Film tropft.

Und? War das jetzt so schwer mit dem selbst entwickeln?

 

Praktisches Zubehör als Erweiterung:

Zur Aufbewahrung der fertigen, getrocknete Negative gibt es Pergaminhüllen, die man wunderbar in so genannten Archivkassetten staubfrei und stapelbar aufbewahren kann.

Pergaminhüllen für Kleinbildnegative
Pergaminhüllen für Mittelformatnegative
Archivkassetten

In manchen Gegenden ist das Wasser kalthaltiger als in anderen. Um Flecken auf den Negativstreifen zu vermeiden, kann man nach der Schlusswässerung ein Netzmittel einsetzen. Wir schwören auf Kodak Photo Flo.

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